Maximilian Schönherr – Die Stammheim-Bänder

Es handelt sich hierbei nicht um Gedrucktes, sondern um eine über den WDR herausgegebene Hör-CD, die in Auszügen das wiedergibt, was eine Archivarin vor einigen Jahren in den Kellern des Stuttgarter Oberlandesgerichts gefunden hat.

Bei den Stammheim-Prozessen zwischen 1975 und 1977 wurde mit Einverständnis aller Beteiligter ein Tonbandgerät eingesetzt, um die Protokollanten zu unterstützen. Vorgesehen war, die Bänder jeweils zu überschreiben bzw. zu vernichten. Aus unbekannten Gründen blieben verschiedene Bänder erhalten.

Das was da zu hören ist, stellt natürlich nur ein Fragment dessen dar, was sich in den mehr als zwei Jahren abgespielt hat, ist aber sehr interessant und zwar nicht nur deshalb, weil man die Hauptangeklagten Meinhof, Baader, Ensslin und Raspe bei ihren wirren und verquasten Verbalangriffen auf „das System“ persönlich hört, sondern auch wegen der Art und der Strategie ihrer Verteidigung.

Ich war durchaus der Meinung, dass sich Gericht, Bundesanwaltschaft und Verteidigung wechselseitig Duelle auf höchster intellektueller Ebene geliefert haben, denn das hätte das Thema jederzeit hergegeben, aber das was man da tatsächlich zu hören bekommt (und nur darum geht es hier) ist in weiten Teilen j-ä-m-m-e-r-l-i-c-h.

Vom wechselnden Kreis der Verteidiger fallen insbesondere Schily, von Plottnitz, Azzola und Heldmann auf. Azzola, immerhin wohlbestallter Rechtsprofessor, bezeichnete die Angeklagten mit schwülstiger Attitüde als im Kriege befindlich, weshalb das Verfahren sofort zu beenden und die Gruppe der Angeklagten umgehend in Kriegs-gefangenschaft zu überstellen sei.

Selbst wenn man in einem abstrakt-theoretischen Gedankenkonstrukt  wegen des durchaus mehr- deutigen Kriegsbegriffes   den Faden weiterspönne, ist doch mehr als armselig, wenn Azzola etwa zur Begründung und Darstellung der Kontrahenten auf der einen Seite vom "US-Imperialismus und seinen Agenten"  spricht und auf der anderen Seite die Angeklagten sieht.

Das Protokoll verzeichnet daraufhin auch Gelächter von der Bank der Bundesanwaltschaft. 

Während Heldmann und Azzola sich einigermaßen zurückhielten, schrien und pöbelten Schily und von Plottnitz - später ja durchaus sehr exponierte politische Vertreter dieses Staates - auch wegen Nichtigkeiten wie die Rumpelstilzchen herum, was deutlich macht, wes´ Geistes Kind sie waren und vor allem, dass sie sich seinerzeit die Sache ihrer Mandanten komplett zueigen gemacht hatten.

Natürlich hat jeder Angeklagte Anspruch darauf, dass seine Verteidigung (fast) jedes Register zieht, das Gehörte sprengt aber jeden nachvollziehbaren Rahmen. Die Debatte wird von den beiden künftigen Ministern auch auf einem intellektuellen Niveau geführt, das nur als unterirdisch bezeichnet werden kann.

Von Plottnitz ließ sich übrigens u. a.  dazu hinreißen, den Vorsitzenden Theodor Prinzing mit „Heil Prinzing“ zu bepöbeln.

Kurzum – die CD ist jedenfalls für mich auch deshalb so wertvoll, weil hier eine im Gewande der politischen Widerständler daherkommende geistig und moralisch vertikal benachteiligte Mörderbande inklusive ihrer Vertreter (von Rechtsanwälten will man hier gar nicht reden) in einer Art gnadenlos demaskiert wird, dass man auch dieses Zeitdokument zum Unterrichts-material an Schulen machen sollte.