Wow, was für ein Abgang. Horst Köhler ist zurückgetreten. Mit etwas Abstand zeigt sich, wie paradox das letztlich war.

Köhler litt wie man hört u.a. darunter, dass sich aus seiner Sicht so gar keine Gelegenheit für seine spezielle Ruck-Rede einstellen wollte.

Seltsamerweise war der Grund, den er letztlich für seinen Rücktritt heranzog genau der Grund, der ihn in die Lage versetzt hätte, „seine“ Ruck-Rede zu halten.

Was war passiert?

Er hatte sich unglücklich geäußert und alles fiel über ihn her, teils in einer Art, die man nur aus der Mettwurstproduktion kennt.

Die Kanzlerin hängte ihn wie viele ihrer Kompagnons aus der Politprofimanege zum Trocknen raus.

Und hier hätte Köhler punkten können. Er hätte sich für seine Wortwahl entschuldigen und anschließend zum Gegenangriff übergehen können.

Ich glaube nicht, dass es viele politische Beobachter gibt, die ihm tatsächlich eine grundgesetzwidrige Position unterstellt hätten, das wäre auch völlig absurd gewesen.

Gesagt worden ist es aber viel zu oft und Köhler hätte m. E. völlig zu Recht eine Erosion gesellschaftlichen Miteinanders auf der politischen Bühne im Speziellen und draußen im Loonde im Allgemeinen anprangern können.

Er hätte das feige Schwanzeinkneifen politischer „Spitzenkräfte“ im Angesicht populistischer Dreckschleudereien interessierter Kreise gegen eine Institution wie den Bundespräsidenten geißeln und gleichzeitig Zivilcourage und das Füreinander-einstehen einfordern können.

Er hätte durchaus die Chance gehabt, eine gesellschaftliche Diskussion anzustoßen, wo die Grenzen des Anstandes und des Respekts für den politisch oder sonstwie Andersdenkenden verlaufen.

Diese Chance hat er mit seinem Rücktritt vertan und gleichzeitig hat er selbst das beerdigt, nach was es ihn erkennbar gelüstet hatte. Merkwürdig, aber nun gut.

Kommen wir jetzt aber zu den wirklichen Kotzbrocken in dieser Geschichte.

Der Spiegel sprach von „Horst Lübke“, die Süddeutsche, die ich wirklich mal geschätzt habe, deren Niveau aber jeden Tag mehr in Richtung Kloake mäandert, meinte sogar wie folgt schreiben zu müssen:“ : „Der Präsident wirkt wie ein Sponti: der Null-Bock-Horst. Man war garstig zu ihm und jetzt mag er nicht mehr mitspielen". 

Köhler wird von diesen Redakteuren vorgeworfen, das Präsidentenamt beschädigt zu haben.

Wie kann ich das aber kritisieren und dem Ex-Bundespräsidenten vorhalten, wenn ich mich gleichzeitig einer Wortwahl befleißige, die ebenfalls mehr als alles andere geeignet ist, dieses Amt – der Mann WAR ja nun mal Bundespräsident – zu diskreditieren?

Die Antwort kann sich jeder selbst geben.

2.6.2010

Nachtrag 3.6.2010: Christian Wulff soll es jetzt machen und Sigmar Gabriel bestätigt alles was ich oben ausgeführt habe.

Bei der Kandidatenkür der Schwarz/Gelben ginge es nach dem "Zurückziehen" von Frau von der Leyen (hä?) zu wie bei Toyota, "nichts ist unmöglich".

Kein Wort etwa dergestalt, dass Wulff ein zweifelsohne honoriger Kandidat sei, der zwar nicht die Zustimmung des linken Lagers finden werde, zumal man selbst Joachim Gauck ins Rennen schicke, honorig aber allemal.

Nichts, nur Toyota.

Dümmlich-Polterndes sind wir aber von dieser Quarktasche ja nun gewohnt.

Dabei hätte man das gar nicht nötig, denn mit Joachim Gauck hat man jemanden aus dem Hut gezaubert, der ganz sicher das Zeug zum Bundespräsidenten hätte und für mich personifizierte Seriösität und Integrität darstellt.

Meine Stimme hätte er bekommen. Vor ein paar Jahren.

Zum Einen ist der Mann 70, zum Anderen sehe ich nicht, dass wir derzeit jemanden in Bellevue benötigten, der mit den besten Absichten Sand ins Getriebe streut und das Leviticus hervorholt.

Ich denke, es müsste jemand sein, der das Geschäft kennt und einschätzen kann, wann er was sagt, ohne von Kanzlers Gnaden zu sein, der moderieren und ggf. versöhnen kann und deshalb ist Christian Wulff mein Mann.  

 

 

Allüberall klappen die Hilfs- und Rettungsschirme auf, dem Börger draußen im Looonde wird schon ganz schlecht, ob der Beträge, mit denen da jongliert wird und vor allem ob der Aussicht, wer das nachher alles bezahlen wird, da meldet sich Frederick Forsyth zu Wort.

Seine Thriller habe ich früher verschlungen, wer kennt nicht „Der Schakal“? In seinem Kommentar „Liebe Deutsche, wollt ihr den Euro wirklich retten?“ fasst er die Situation aus seiner (Insel)Sicht zusammen und findet am Ende einen Vergleich, den ich nicht nur gelungen, sondern auch ausgesprochen witzig fand, weshalb ich ihn nicht vorenthalten will:

"…Von England aus betrachtet kann man sich angesichts der Summen, um die es geht, nur die Augen reiben. Wird der deutsche Bürger/Wähler/Steuerzahler wirklich seinen Wohlstand opfern wollen, damit der Club Med fröhlich weiter Fandango tanzen kann? Schauen Sie, wir sind beide, Deutschland und Großbritannien, maritime Nationen, daher möchte ich mit einem nautischen Bild schließen. Der große europäische Schoner segelt unter einer viel zu weit ausgespannten Leinwand dahin, als der Tornado zuschlägt. Er verliert seine Fock- und seinen Besanmast. Was nun? Wasser dringt ein, der Rumpf, immer schon ein dürftiges Design, hat zehn Lecks. Frau Kapitän herrscht die Deutschen an, weiter an den Pumpen zu schuften. Die Griechen auf dem Vorderdeck proben den Aufstand und beschuldigen die Deutschen, alles hätte mit deren Invasion 1940 angefangen. Die Italiener, Spanier und Portugiesen feiern auf dem Hinterdeck ihre Party, solange der Wein reicht. Wie das Schiff retten? Es wäre schierer Wahnsinn, zu glauben, die gebrochenen Masten könnten mit Klebeband wieder funktionstüchtig gemacht werden. Jede Teerjacke weiß: Äxte müssen her, weg mit allen zerstörten oberen Masten, in die See mit ihnen. Verlass dich auf den Hauptmast und das Hauptsegel (das deutsche Modell) und überstehe so den Sturm. Oder soll der Euro-Traum euch dazu zwingen, allesamt arm zu sterben?"

10.6.2010

PS: Um es mit Chief Brody zu sagen:“ Eine Insel ist es nur, wenn man es vom Wasser aus betrachtet.“

 

 

 

21 Menschen sind bei der Love-Parade in Duisburg umgekommen und die Sündenbock-Reflexe funktionierten mal wieder wie geölt.

Der Veranstalter wars, sagen Verwaltung und Polizei.  Der weist alle Schuld von sich und zeigt auf die anderen beiden Beteiligten.

Duisburger Bürger haben das Ganze dann noch hübsch angereichert durch selbst geschreinerte Galgen, an denen sie gerne ihr Stadtoberhaupt Sauerland aufknüpfen würden.

Hannelore Kraft hat sich dankenswerter Weise sehr ausgewogen geäußert und dazu aufgerufen, zwischen Schuld und Verantwortung zu unterscheiden.

Die für mich bis heute nicht beantwortete Frage lautet doch:

Ich habe einen Platz, auf den 250.000 Leute passen und den man nur auf dem Weg betreten kann, auf dem man ihn anschließend auch wieder verlässt.

Ich muss mit bis etwa 1,5 Millionen überwiegend bedröhnten Besuchern rechnen.

Wie kann ich also mehr als eine Million Feierwütige gerade beim Auftreten von Problemen daran hindern, auf den Festplatz zu gelangen, unter Umständen auch dann noch, wenn gleichzeitig welche wieder nach Hause wollen?

Ich meine gar nicht, es sei denn, ich aktivierte die 1. Panzerdivision mit ihrem gesamten schweren Gerät.

Und DAS war meines Erachtens für ALLE im Vorfeld Beteiligten hinreichend klar erkennbar, aber es musste ja unbedingt das Fähnlein "Ruhr 2010. Kulturhauptstadt Europas" hochgezogen werden, obwohl die Bochumer ein Jahr zuvor bei der gleichen Nummer zu Recht Fracksausen bekommen haben.

Also - wer da mit Fingern auf andere zeigt, sollte nicht glauben, er sei damit automatisch aus der Schusslinie.

Wer schuld war, wird die Staatsanwaltschaft herausbekommen, wer Verantwortung trägt, möge erst einmal jeder der Beteiligten für sich klären.

P.S.; Gleichwohl - ein jeder versetze sich einmal kurz in die Lage von Herrn Sauerland, der Angst vor Hartz-IV-Bezug im Alter hat. Wie hätte man selbst auf das Fiasko reagiert? Wäre man wirklich zwei Monate vor der Schwelle zur Pensions-berechtigung zurückgetreten? So, und jetzt kann mit Steinen geschmissen werden...

6.8.2010