1.9.2010: Aus einem Interview, das der Bürgermeister des Berliner Bezirks Neukölln, Heinz Buschkowsky, dem Deutschland-Radio am 25.8.2010 gab und in dem Herrn Buschkowsky folgende Äußerung Sarrazins aus einem Interview ebenfalls mit dem Deutschland-Radio vorgespielt wurde:

Sarrazin: "...78 Prozent der türkischen Mitbürger fühlen sich nicht von Angela Merkel als Bundeskanzlerin vertreten. Ein Großteil der also muslimischen Migranten, die bei uns leben, mag einen deutschen Pass haben, er fühlt sich aber nicht als Deutscher, sondern man müsste eigentlich sagen, Inhaber eines deutschen Passes. Das ist richtig. Wir müssen die Menschen, die bei uns leben, denen müssen wir alle Chancen geben, sich zu integrieren, wir müssen diese Chancen aber auch mit einem kräftigen Aufforderungscharakter verbinden..."

Buschkowsky hierzu: "...Also eine Schwäche an dem Buch und an den Thesen von Sarrazin ist, dass er mir zu stark verallgemeinert. Er spricht einerseits immer von den Muslimen, das ist erst mal einfach falsch, und verschreckt und verletzt viele Menschen. Wir wissen, wir haben Schiiten, wir haben Sunniten, wir haben Aleviten, die bei uns sind, und die alevitische Lebensweise ist geprägt von Gewaltfreiheit, von Ächtung von Gewalt und von der Gleichheit der Geschlechter. Und wenn Menschen, die gläubige Muslime sind, aber Aleviten, wenn sie lesen, in welchen Topf sie geschmissen werden, dann macht die das nicht fröhlich. Und so ist es auch ein bisschen mit der Migrantengesellschaft.
Sehen Sie, die Probleme, die er benennt, die gibt es, keine Frage. Wir haben Parallelgesellschaften, wir haben Bildungsferne, wir haben Menschen, die sich im Sozialsystem eingerichtet haben, und wir haben Menschen, die das Sozialsystem als Lebensgrundlage benutzen und "Scheißdeutsche" sagen. Das gibt es alles, gar keine Frage. Aber es dann, ich sage mal, so als eine Art Makel allen Zuwanderern anzukleben, das halte ich eben für falsch. Sehen Sie, mein Fahrer ist türkischer Abstammung, in meinem Rathaus habe ich türkischstämmige, deutsche Beamte, also das ist schon ein bisschen differenzierter, und ich würde einfach Thilo nur wünschen, dass er das einfach auch berücksichtigt
Ja, es gibt Probleme, ja, wir müssen sie angehen, aber bitte nicht in der Art und Weise, dass wir alle die, die wir als Mitstreiter brauchen, nämlich die Integrierten, dass wir die verprellen
..."

(Anmerkung: Damit knüpft Buschkowsky an ein Interview an, das er am 30.10.2009 der Berliner Morgenpost gegeben hatte und in dem er Folgendes sagte: "...Wir haben 20 Prozent Migranten in der Gesellschaft, und sie haben nun mal eine deutliche höhere Geburtenrate bei gleichzeitiger Bildungs-ferne. Dass allerdings 70 Prozent der Türken, wie Sarrazin sage, zur Unterschicht gehörten, ist falsch. Es gibt inzwischen genug Türken, die es mindestens in die Mittelschicht geschafft haben. Doch die, die ihre traditionellen Muster der Herkunftsländer weiterleben wollen, die ihre Familie als Schutzburgen betrachten und Schulpflicht und Erwerbstätigkeit hinten anstellen, müssten aus diesem System herausgeholt werden. Wir brauchen Ganztags-schulen, die Kindergartenpflicht und wir müssen die Schulpflicht mit Sanktionen durchsetzen. Aber schon mit dem Wort Sanktionen löse ich Attacken der „Gutmenschen-Fraktion“ aus. Es ist immer noch kein gesellschaftlicher Konsens, dass wir ein Integrationsproblem haben...")

Und auf die Frage nach dem geplanten Parteiausschluss-verfahren:

"Also früher sagte man ja, von der Bergpredigt bis zum Kapital kann jeder seine Heimat in der SPD finden. Damit meine ich: Eine Volkspartei muss unbequeme, ja, auch lästige Meinungen in sich dulden, muss sich streitbar mit ihnen auseinandersetzen. Wenn ich jedes Mal Themen und Diskussionen oder auch Thesen, die mir nicht passen, die unangenehm sind, ja, die mich auch verletzen, aus der Partei schmeiße, also mich jedes Mal rundlutsche und glattbügle, dann werde ich konturenlos als Volkspartei, und ich schaffe damit die Alternativen.
Schauen Sie, was ist in Österreich passiert? Es gab plötzlich eine FPÖ und einen Herrn Haider. Was ist in den Niederlanden passiert? Es gibt plötzlich Herrn Wilders, ohne den nicht mehr regiert werden kann, und eine VVD. Wir können auch Menschen, die, ja, auch geprägt sind von Überfremdungsangst immer wegdrücken und sagen: Geh zu Pro Deutschland, geh zur NPD, irgendwann werden ihnen viele in der Wahlkabine folgen, dann wird jeder sagen: Wie konnte das passieren? Man muss sich mit diesen Dingen auseinandersetzen.
Und es ist so: Wo Zuwanderung ist, gibt es Überfremdungsangst, und wo Zuwanderung ist, gibt es auch Fehlentwicklungen und Stolpersteine. Da müssen wir eben halt durch, das ist unbequem, und ich sage Ihnen: Es gibt viel zu tun auf diesem Gebiet, als jemand, der Bürgermeister ist in einem Gebiet, wo es Parallelgesellschaften gibt, und wo es auch Dinge gibt, wo ich sage, die die Welt nicht braucht. Wer sich in eine andere Kultur begibt, muss wissen, dass es dort andere Spielregeln gibt und muss entscheiden, ob die für das eigene Leben passen oder nicht. Und wer sagt, ich gehe dahin und setze mich in den Sessel nach dem Motto, ist hier schön, bespiel mich mal, na ja, da muss eine Gesellschaft dann auch mal intervenieren, insbesondere bei den Kindern
...
"

Es kristallisiert sich demnach bei entsprechend ruhiger Betrachtungsweise heraus, dass Sarrazin möglicherweise überzieht. Kann er aber nicht zuletzt deshalb als Katalysator wirken? Oder hat er der Integrationsdebatte einen Bärendienst erwiesen?

Buschkowsky laviert m. E. aber auch ganz schön und diskreditiert sich mit seiner Kritik an Sarrazin selbst, wenn man sich seine drastischen Äußerungen in diesem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger noch vom 22.7.2010 (!) vergegenwärtigt, in dem er beispielsweise auch explizit von "den Migranten" spricht, was Sarrazin so gerade nicht tut.

Da Buschkowsky aus seinem Herzen als "Frontmann" aber noch nie eine Mördergrube gemacht hat, sind folgende Worte von Sigmar Gabriel anlässlich der Verleihung des Gustav-Heinemann-Preises an Buschkowsky am 19.4.2010 angesichts des Parteiausschlussverfahrens gegen Sarrazin nicht unpikant:

"...Auch Heinz Buschkowsky hat mit seiner Arbeit Schätze für unser Gemeinwesen produziert. Und er ist selbst so ein sozialdemokratischer „Schatz“, der dringend gezeigt werden muss. Nun ist er ja längst bundesweit bekannt und in eine Vitrine passt er auch nicht – Heinz, da haben wir was gemeinsam. Außerdem will er da auch gar nicht rein.
Aber das Vorstellen seiner Person und seiner Arbeit mit vielen anderen an seiner Seite dient natürlich einem Zweck: Nur durch gute Beispiele lernen wir. Meistens ist es ja so, dass alles, was misslingt, die dicksten Schlagzeilen erhält.
In Wahrheit wissen wir aber genau, dass gute Beispiele viel häufiger sind und wir alle davon mehr lernen können.
Und von Heinz Buschkowsky können wir viel lernen. Seine Biografie und sein politisches Leben zeigen das deutlich.
Und natürlich wollen wir zeigen, dass Heinz Buschkowsky Sozialdemokrat ist und wir stolz auf ihn sind. Er repräsentiert einen Teil der Sozialdemokratie, der besonders erfolgreich ist: die Kümmerer mit viel Verstand, einem großen aber eben auch einem heißen Herzen.
..
".

Ich bin also in zweierlei Hinsicht gespannt - was sagt das Buch wirklich und wie wird sich die Integrationssituation in den nächsten Monaten und Jahren entwickeln.

Hier nun die Anmerkungen von Prof. Arnulf Baring vom 31.8.2010. Herr Prof. Baring bezeichnete übrigens in einem Interview mit der "Welt" am 25.10.2009 die damaligen Äußerungen von Sarrazin als "die beste Analyse, die ich seit langem gelesen habe".


Meldung: Das Berliner "Haus der Kulturen der Welt" hat Sarrazin  nun auch ausgeladen


Olaf Henkel in einem Interview mit Focus am 31.8.2010:
"...Und selbst wenn er sich irren sollte – ich habe bisher immer gedacht, wir hätten Meinungsfreiheit in unserem Land. Die nimmt er zu Recht in Anspruch. Auffallend ist außerdem, dass noch keiner gesagt hat, er lüge. Offensichtlich hat man Schwierigkeiten, die von ihm vorgelegten Fakten zu widerlegen. Da ist es dann bequemer, die Person auseinander-zunehmen. Das ist inzwischen bei uns ein klassisches Muster...

...Das Nichtdiskutieren über gesellschaftliche Probleme hat uns noch nie weitergebracht. Aus meiner Zeit als Präsident der Leibniz-Gemeinschaft ist mir noch in Erinnerung, dass inzwischen selbst Wissenschaftler sich nicht mehr frei fühlen, solche Schulvergleichsstudien zu veröffentlichen, die zu ähnlichen Ergebnissen wie die führen, die von Sarrazin erwähnt werden. Das Unter-den-Teppich-Kehren führt nur dazu, dass irgendwann die Sache explodiert. Ich möchte keine französischen oder gar holländischen Verhältnisse, wo das ständige Negieren von Integrationsproblemen zu starken ausländerfeindlichen Parteien führte. Wir sollten Sarrazins Äußerungen als einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion betrachten und uns mit seinen Vorschlägen und denen von Personen wie der Soziologin Neclá Kelek befassen und nicht den Überbringer schlechter Nachrichten weiter verfolgen. Klar ist auch, dass er mit einigen Aussagen Öl ins Feuer gegossen hat...

...Zum Beispiel macht seine Aussage, dass intelligente Frauen weniger Kinder bekommen, keinen Sinn. Hätte er statt von vorhandener oder fehlender Intelligenz von Bildungsnähe und -ferne gesprochen, wäre er nicht angreifbar gewesen. Ich bin sicher, dass er es auch so gemeint hat. Jedenfalls ist es nicht angebracht, hier die Rassenkeule zu schwingen. Mir geht es aber weniger darum, dass ich nicht alle seiner Meinungen teile, mir geht es um das Gut der Meinungsfreiheit. Natürlich darf diese nicht so weit gehen, dass Gruppen von Mitbürgern herabgesetzt werden. Dass Sarrazin das im Schilde geführt oder in Kauf genommen hat, ist bis zum Beweis des Gegenteils eine böswillige Unterstellung. Ich finde schon lange, dass wir in unserer Gesellschaft nicht genug Personen haben, die sich zum Beispiel um die Rechte der muslimischen Mädchen und Frauen kümmern. Umgekehrt haben wir zu viele, die die massiven Menschenrechtsverletzungen in der muslimischen Welt nicht sehen wollen...



Dagegen Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland:

"...Ich würde Herrn Sarrazin den Eintritt in die NPD empfehlen, das macht die Gefechtslage wenigstens klarer und befreit die SPD."

Diese Erklärung will ich nicht weiter kommentieren, merke aber an, dass sich dieser Mensch (ebenfalls mit einem wichtigen abgekürzten Zweitvornamen) bereits nach dem "Lettre International"-Interview und auch dem Fall al-Sherbini mächtig aus der verbalen Holzhackerkiste bediente und meiner unmaßgeblichen  Meinung nach bereits damals seinerseits die Graumann´sche rote Linie mehrfach - sanktionslos natürlich - überschritten hatte.
Kann man nicht (mehr) ernst nehmen.

Auch deshalb nicht, weil er sich für seinen gräßlichen Nazivergleich im Oktober 2009 nachher entschuldigt hat, jetzt aber die braunen Horden wieder heranzieht, was bedeutet, dass man weiß, wie man das Eine zu verstehen und das Andere zu werten hat.