Allmählich beginne ich auch in den Chor derer einzustimmen, die einem immer wieder vorleiern, diese Gesellschaft strebe auseinander.

Fakt scheint zu sein, dass es eine Klasse am oberen Rand dieser Gesellschaft gibt, für die der Begriff Parallelwelt Wirklichkeit geworden ist.

Einige Mitglieder dieser Kaste jonglieren mit der Macht, andere mit der Kohle, manche mit beidem.

Ich halte Macht und/oder Kohle vielleicht anders als andere per se nicht für unmittelbar bedrohend oder für etwas, das sofort äh zu vergesellschaften, vulgo mit der Gießkanne zu verteilen wäre und ich gestehe im Großen wie im Kleinen auch jedem zu, etwa bestehende Gesetzeslücken zu seinen Gunsten auszunutzen, wie das offensichtlich - auch - die zweite Riege hinter den gehaltlich limitierten Vorständen mancher auch von mir subventionierter Bankhäuser zelebriert (hat).

Aber ist es ab einer bestimmten Kragenweite nicht tatsächlich beschämend, jedes auch nur denkbare Register zu ziehen?

Edzard Reuter soll sich in seinem neuen Werk dazu ja nachdrücklich geäußert haben. 

Gleiches oder Ähnliches gilt in meinen Augen für maßgebliche Teile unserer Politprofis, ich erinnere dabei nur an die in meinen Augen die Bevölkerung und deren Bedenken schockierend herablassend behandelnde Basta-Politik von Frau Merkel  im Zusammenhang mit dem Buch von Thilo Sarrazin, der wie beschrieben erst bürgerlich erledigt und dann totgeschwiegen wurde, bis, ja bis der Herr Bundespräsident jüngst zum Tage der deutschen Einheit in den berühmten Fettnapf getrampelt ist und das Thema ungewollt wieder reanimierte.

Ohne seinen Lapsus, und für einen solchen halte ich es zumindest dann, wenn wie geschehen die Kanzlerin eine Interpretation des Gesagten drechseln muss, wäre man bei der seit etwa drei Wochen praktizierten Drei-Affen-Tagesordnung geblieben.

Was war da unmittelbar nach Erscheinen des Buches unter professionell zelebrierter Politiker-zerknirschtheit nicht alles an Notwendigkeiten an die Öffentlichkeit gezerrt worden, die es dringend anzugehen oder umzusetzen gelte und was ist seither geschehen? Eben.

Oder Beispiel Steuergesetzgebung.

Mir hat noch niemand erklären können, weshalb ich das Steuerrecht nicht radikal vereinfachen kann, OHNE die Einkünfte zu senken. Der dämlichen Öffentlichkeit wird aber immer wieder weis- gemacht, Vereinfachung bedeute Verringerung der Steuereinkünfte und das könne der Leviathan keinesfalls hinnehmen.

Abgesehen davon, dass ich das angesichts der permanent gewachsenen Einkünfte dieses Staates ohnehin für eine gewagte These halte, weiß ich immer noch nicht, was gegen eine Vereinfachung bei vorläufiger Aufrechterhaltung des Einkünfteniveaus spräche. Also, natürlich weiß ich es.

Steuern müssen sein, da sind wir uns ja alle einig.

Eine extrem komplizierte Steuergesetzgebung hält den Steuerdukatenesel aber schön in Abhängigkeit, denn wie wir alle wissen, kann natürlich nur der Staat das brav gezahlte Geld vernünftig, zielgerecht und vor allem richtig einsetzen.

Die alljährlichen Katastrophenmeldungen aus dem Hause des Bundesrechnungshofes bestätigen das ja eindeutig.

Eine Subvention hier, eine Alimentierung da, wo kämen wir hin, wenn stattdessen die Leute selbst entschieden, wofür sie ihre sauer verdiente Kohle ausgeben und deshalb ist und bleibt die Steuergesetzgebung ein reines Machtinstrument, auf das weder rot-grün noch schwarz-gelb verzichten wollen.

Frau Merkel ließ Prof. Kirchhof, dessen Steuermodell mir einleuchtete, jedenfalls schneller fallen als man „heiße Kartoffel“ oder „dieser Professor aus Heidelberg“ sagen kann.

Und der abgehobene Machtzirkel beschränkt sich keinesfalls auf das bürgerliche Lager, denn das was Grüne und SPD derzeit in Baden-Württemberg veranstalten, ist nichts weiter als reiner Wahlkampf auf dem Rücken einiger allerdings überraschend willfähriger und unkritischer Bürger, denen man erzählt, hier ginge es um mehr, womöglich um das große Ganze und dabei geflissentlich unerwähnt lässt, wie man seinerzeit selbst zu „Stuttgart 21“ stand.

Es steht aber eine Landtagswahl an und da muss man in die Puschen kommen, koste es was es wolle, da wird dann unter anderem verbal so geholzt, dass ein amtierender Ministerpräsident angeblich das Blut der Demonstranten fließen sehen wollte.

Dafür hat sich Özdemir entschuldigt, aber in der Welt war es mal, war im Übrigen auch schön griffig und etwas Dreck bleibt ja bekanntlich immer hängen.

"Stuttgart 21" ist andererseits aber auch ein Beispiel für eine arrogante und ignorante Sichtweise, die ich auch bei ähnlichen Projekten beobachtet habe.

Man hält es nicht mehr für notwendig, derartige Vorhaben hinreichend zu kommunizieren, was den populistischen Generalverdacht nährt, so etwas werde zwischen den Großkopfeten hinter verschlossenen Türen ausgekungelt, diese Republik befinde sich in den Händen eines rabentraulichen Kartells aus Politik und Industrie.

Ich spreche hier nicht von Planfest-stellungsverfahren oder Gerichtsverfahren, in denen man seine Einwände vortragen kann und die im Wesentlichen auch wegen der geistigen Faulheit weiter Teile der Gesellschaft regelmäßig unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.

15 Jahre hat man um "Stuttgart 21" gerungen und wen hat es wirklich interessiert, niemanden.

Ich meine, dass solche Projekte eine gesamt-gesellschaftliche Perspektive haben, nicht umsonst sprechen Herr Mappus und Frau Gönner von "Stuttgart 21" als einem "Jahrhundertprojekt".

Wenn ich das aber selbst so sehe, dann muss ich die Bevölkerung auch mitnehmen und daran hapert es meines Erachtens seit vielen Jahren ganz massiv, was auf eine bestimmte Geisteshaltung in diesen Kreisen schließen lässt, die nicht primär das Wohl der Bevölkerung im Auge hat.

No wonder spricht man dann in weiten Teilen der Bevölkerung von einer völlig abgehobenen und um den eigenen Nabel kreisenden Politikerkaste, deren Verhalten Parteien-, Politik- und Demokratieverdrossenheit generiert. Ich finde das bedenklich.

Dann gibt es auf der anderen Seite einen Teil der Bevölkerung, auf dessen Schultern es sich eine Kaste professioneller (und professionell bezahlter) Betreuer und Interessenvertreter bequem gemacht hat, die in jeder Lebenslage (und Talkshow) bar jeder Selbstzweifel oder differenzierender Haltung und getreu dem Motto „Nur der Lauteste wird gehört“ auch in der deftigsten Krise ungeniert die Hand für ihre Schäfchen aufhalten, die dafür um so dankbarer blöken und mit den Hufen primär auf "die da oben", generell aber mal auf alle anderen zeigen, denen es aus welchen Gründen auch immer (angeblich) besser geht.

Was diese "Interessenvertreter" von den vielgescholtenen Lobbyisten etwa diverser Energieunternehmen unterscheiden soll, erschließt sich jedenfalls mir angesichts der zwischenzeitlich erreichten Höhe unserer Sozialetats nicht mehr.

Die jeweils Anderen sollen es wie gesagt richten und vor allem bezahlen, erwähnt werden dabei immer diffus die (ohnehin unter permanentem Generalverdacht stehenden) „Reichen“ und wenn man forscht, wie manche Parteien den stinknormalen „Reichen“ definieren, dann weiß man, wer wirklich gemeint ist, wenn da von den „starken Schultern“ die Rede ist.

Was die können kann ich auch, denken sich offensichtlich auch die Unternehmer, die Löhne und Gehälter trotz entsprechender Qualität der Arbeitsleistung und höherer Bezahlung solcher Kräfte in Konkurrenzunternehmen in einer Höhe vereinbaren, die die betreffenden Mitarbeiter zwingen, mittels staatlicher Zuwendungen aufzustocken, womit auf Dauer ebenfalls eine schleichende Erosion des Gemeinwesens gerade in wirtschaftlicher Hinsicht erfolgen wird.

Denn klar ist, dass die für einen Minilohn abgeführten Beiträge allenfalls zu späteren Renteneinkünften im Armutsbereich führen werden, was aufzufangen dann wiederum Sache des Steuerdukatenesel sein wird.

Diese Ausbeuter wissen auch, dass ihre Mitarbeiter dringend auf die Vergütung angewiesen sind und im Zweifel nicht vor den Kadi ziehen.

Last not least stelle ich auch ein Schleifen allgemeinen Komments dahingehend fest, dass der Respekt vor demokratisch zustande gekommenen Entscheidungen zunehmend und nachhaltig schwindet.

Es dräut ein rein gefühliges, extrem moralisierendes und ergebnisorientiertes Demokratieverständnis herauf, massiv verstärkt dann, wenn einem das Ergebnis nicht passt (etwa weil Bäume gerodet werden müssen), „Stuttgart 21“ ist auch hier ein gutes Beispiel dafür.

Ich muss gestehen, ich bin entsetzt über das Maß an körperlicher und verbaler Gewalt, das da offenbar wird und ich meine dabei nicht die Einsatzhundertschaften der Polizei.

Ein demokratisch legitimiertes Projekt und der Bahnchef erhält derart massive und ernstzunehmende Morddrohungen, dass er und seine Familienangehörigen Polizeischutz in Anspruch nehmen müssen.

Sind das dann bedauerliche Kollateralschäden, die man im Sinne einer angeblich besseren Welt und je nach cerebraler Ausrichtung mit klamm-heimlicher Freude hinzunehmen hat?

Geht´s noch?

Ähnliches, wenn auch natürlich auf ganz anderem Niveau gilt beispielsweise für die jetzt beschlossene Erhöhung des Salärs der Kassenärzte.

Festgesetzt wird das durch den (erweiterten) Bewertungsausschuss, der sich insoweit paritätisch aus Vertretern der Kassen und der Kassenärztlichen Vereinigungen sowie unparteiischen Dritten zusammensetzt.

Kaum war das ausgehandelte Ergebnis bekannt, heulten die Kassen auf und prügelten auf die Ärzte ein.

Man kann zu den Erhöhungen stehen wie man will, das Ergebnis, das einem nicht schmecken mag, aber mit derart persönlich gefärbten und der Stimmungsmache dienenden Allgemein-plätzen zu kommentieren wie etwa der Verhandlungsführer der Kassen ist dreist, reitet auf der allgemeinen Neidwelle und sabotiert sowohl das Gremium, den Weg der Entscheidungsfindung und die Entscheidung selbst, also alles das was legitimiert und im Konsens seinerzeit so installiert wurde. Nur ein kleines Beispiel.

Unabhängig vom Thema gibt eine derartige Haltung zu denken.

Demokratisch getroffene Mehrheitsbeschlüsse sind für einen wachsenden Teil dieser Gesellschaft gut und schön, solange Richtung und Ergebnis (dogmatisch) stimmen.

Tun sie das nicht, wird auch verbal so getan, als bestünde rechtsfreier Raum, den es nun mit der Moralkeule in der Hand zu besetzen gilt, ganz zu schweigen von den alljährlichen Exzessen des Schwarzen Blocks, an die man sich schon praktisch gewöhnt hat.

Dieses Land zerfällt in egoistische Interessen-gruppen, bei denen es läuft wie bei dem Huhn und dem Ei oder besser dem St.-Florians-Prinzip - keiner will als Erster Zugeständnisse machen oder Einbußen hinnehmen, die Zeche ist in der Regel immer Sache der Anderen .

Das missfällt mir.

Und hey, über  gewisse Medienschaffende äußere ich mich lieber nicht.

Liest, sieht oder hört man deren Pamphlete, dann könnte man meinen, wir lebten in einem durch und durch korrupten Bananenstaat mit einer kleinen skrupel- und gewissenlosen Oberschicht und einer kurz vor der Revolution stehenden riesigen Unterschicht, die sich in Folge völliger Verarmung ausschließlich von Baumrinde und aufgesammelten Hohlblock-steinen ernähren muss, getrunken wird direkt aus der Kinzig, oder einem anderen sich in der Nähe befindlichen öffentlichen Gewässer.

Dazwischen gibt es anscheinend nichts, jedenfalls nichts das Berichte lohnte, wir wissen ja, nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten.

Ich spare mir jedes weitere Wort hierzu.

Alles in allem muss ich also konstatieren, dass hier Zentrifugalkräfte am Werk sind, die ihre zunehmende Kraft aus Neid, Rücksichtslosigkeit, Ich-Bezogenheit, völlig fehlendem Respekt vor dem Anderen, den demokratischen Grundregeln und legal zustande gekommenen Entscheidungen beziehen, da kann einem angst und bange werden. Der Fisch müffelt gewaltig.

Oder mich kekst nur einiges gerade an, obwohl ich vor einiger Zeit Hoffnung für den common sense sah, als sich das Land unter Mithilfe der Regierung, des Parlaments, der  Unternehmen, der Gewerk-schaften und vor allem der Steuerzahler aus der Krise zog, denn klar ist, laufen konnte das nur, weil die Gewerkschaften sich zurückhielten, die Arbeitgeber kaum kündigten und der Steuerdukatenesel das Kurzarbeitergeld löhnte. So wie das heuer aber wieder abläuft war das vielleicht nur ein Strohfeuer.

6.10.2010