Gestern Abend nun Maybritt Illner.

Auffällig war wieder, dass man sich mehr der Form der Darstellung und weniger dem Inhalt des Buches widmete.

Die Diskussionen verlaufen bisher immer nach demselben Schema: Allgemeine Verteufelung, Rassismusvorwürfe, das "Juden-Gen" (für diese Äußerung hat sich Sarrazin bereits entschuldigt und sie als "Unfug" bezeichnet) und der Vorwurf zu pauschalisieren einerseits, das hohe Lied der Meinungsfreiheit und die Behauptung, hier werde Richtiges zu Recht auch überspitzt formuliert andererseits.

Sowohl bei Plasberg als auch bei Illner gab es genau zwei Punkte, bei denen man versuchte, Sarrazin inhaltliche Unrichtigkeiten vorzuhalten, bei Plasberg waren es die Äußerungen von Frau Stern, bei Illner die Berliner Polizeistatistik  zur Kriminalitätsrate muslimischer Jugendlicher.

Ansonsten das gewohnte Bild. Weiter auffällig ist, dass immer erst 2/3tel der Sendung(en) verstreichen muss, bis man auf der Anklagebank zur Einsicht gelangt, es gebe da ein Problem. Das habe aber nichts mit dem Islam zu tun, auch wenn man trotz Vorhalt geflissentlich dazu schweigt, dass bestimmte Migrantengruppen überdurchschnittlich negativ auffallen und andere eben nicht.

Folglich weiß man es entweder nicht besser, dann wird man nicht umhinkommen, sich mit Sarrazins Thesen inhaltlich auseinanderzusetzen oder man weiß es besser, nun ja, dann gibt es sicher Gründe, warum man es nicht sagt.

Mich stört auch, dass zwar Diskutanten mit Migrationshintergrund eingeladen werden, die aber a) entweder von vornherein als Verfechter einer harten Linie gegen Sarrazin bekannt sind und ihm in meinen Augen falsch Verallgemeinerung vorwerfen wie Frau Foroutan oder b) eine Genese aufweisen, die fernab ist von dem, was Sarrazin problematisiert wie ebenfalls Frau Foroutan und der wolkige Cem Özdemir.

Ich vermisse beispielsweise Diskutanten wie Neclá Kelek, die ausgewiesenermaßen einem Teil der eigenen Landsmannschaft kritisch gegenüberstehen und die einiges zum Thema beitragen könnten.

Trotzdem Hut ab, dass man Polterer wie Broder und verschmitzte Provokateure wie Roger Koeppel eingeladen hat.

Der "Zeit"-Journalist Ulrich bemühte sich dann im Lauf des Abends auch, "die  Fronten etwas aufzubrechen" und sagte etwas sehr Wahres - die Politik rede zwar immer wolkig von Integration, die sei aber im Wesentlichen vor Ort von den Bürgern selbst zu leisten und da seien viele einfach im Stich gelassen worden, schaue man sich bestimmte Entwicklungen in innerstädtischen Infrastrukturen und gewissen Schulen an.

Und deshalb will der Zuspruch zu Sarrazin trotz der Broder´schen "Hexenjagd" einfach nicht abebben.

Ach ja - von mir aus kann die Bundesbank Sarrazin feuern lassen, wenn er gegen seinen Vertrag verstoßen haben sollte, das kann aber weder etwas am Diskussionsinhalt ändern, was in Diskussionen wie der oben beschriebenen immer wieder versucht wird, um vom Thema wegzukommen, noch an der Einsicht, dass die Integrationsdebatte einen mächtigen neuen Schub bekommen hat.

Vergegenwärtige ich mir, was Sarrazin auch und gerade außerhalb des Buches gesagt hat, dann wird für mich deutlich, dass er die Einbindung von Migranten jeder Couleur und damit die Abschöpfung ihrer Fähigkeiten und Leistungen für das Gemeinwohl für unbedingt erforderlich erachtet.

Mit der schlichten Formel "der hat was gegen alle Muslime" komme ich da keinen Zentimeter weiter.

Und deshalb ist auch das Argument falsch, man könne nicht bei der WM Özil, Boateng und Khedira zujubeln und wenige Wochen später Sarrazin. Es ist falsch, weil es eben völlig unbewiesen und in meinen Augen auch grundfalsch unterstellt, die Deutschen hätten etwas gegen alle Muslime, Araber, Türken, Ausländer, wie auch immer.