Upps, das hat jetzt mächtig gedauert, aber zum Einen ist die Medienkarawane weitergezogen und der dauerreizüberflutete Bundesbürger hat fürs Erste das Interesse an Sarrazin und der Hexenjagd verloren.

Zum Anderen gibt es halt auch viele viele andere mächtig spannende Bücher und die alltäglichen Katastrophen im Alltag, die einen daran hindern, in den Sarrazin´schen Kosmos abzutauchen.

Ich hab´s jetzt aber wieder gewagt und schaue, wohin es mich trägt.

Was die Zeit aber eindeutig gezeigt hat ist, dass sich niemand mehr damit aufgehalten hat, Sarrazin nennenswert UNWAHRHEITEN nachzuweisen.

Ich weiß nicht, ob das nur mir aufgefallen ist. Allgemeiner Tenor aus vorwiegend grünen und roten Chören war und blieb, das Schwein ist ein Rassist und gehört daher mundtot gemacht.

Dass man mit dem Köpfen der Boten nur genau denen in die Karten spielt, die diese Gesellschaft in einen Zustand versetzen wollen, den wir seit vielen Jahren überwunden glaubten, dämmert diesen Herrschaften leider nicht.

Auch nicht, dass einem seit geraumer Zeit schon eine schleichende Diskussion über Meinungsfreiheit und deren Grenzen aufoktroyiert wurde und das von Leuten, die Grundrechte nur dann im Munde führen, wenn es um deren Einschränkung zu Lasten Anderer geht. Schweigemärsche für den Art. 5 und Kurt Westergaard habe ich jedenfalls vermisst.

 

 

Nochmal upps, möchte man Herrn Gabriel zurufen. Gestartet wie ein Tiger und gelandet als Bettvorleger. Thilo Sarrazin ist und bleibt Parteimitglied. Ebenso klar schäumen nun vor allem die Jusos, die ja aber sowieso niemand mit hinreichend klarem Verstand ernst nimmt.

 

 

Zum Buch:

Klar wird natürlich, auf wen sich TS in den schmutzigen Kapiteln einschießt.

Er zitiert u. a. Enoch Powell, einen typisch britisch spleenigen Tory mit Intelligenz und Format, der wohl bereits in den 60ern des vergangenen Jahrhunderts auf das ungeklärte Staatsbürgerrecht und die ungebremste Immigration nebst deren - möglichen - Folgen hinwies und dabei die aktuelle Zahl der größten Immigrantengruppe verblüffend genau hochrechnete.

Zu Wort kommt auch Paul Scheffer, der nach 9/11 und den Morden an Fortuyn und van Gogh in den Niederlanden eine Diskussion über den richtigen Weg zur Integration anstieß, von der man hierzulande m. W. wenig bis praktisch nichts mitbekam, obwohl Scheffer Soziologieprofessor, Journalist und um ein Haar Mitglied der Regierung Balkenende geworden wäre.

Scheffer trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er feststellt, dass man den Konflikt zu sich durchdringen lassen muss, um besser mit ihm umgehen zu können.

Da aus meiner Sicht nach wie vor auch für Buchautoren die Unschuldsvermutung gilt, meine ich, dass man auch TS zu Gute zu halten hat, ein von ihm als solches erkanntes Problem zur Not auch aggressiv anzusprechen, um darauf aufmerksam zu machen, worauf der Mainstream hierzulande leider so reagiert hat, wie man das mit unangenehmen Themen immer macht - leugnen, verschweigen, Konterattacke.

Ebenso klar wirkt TS an vielen Stellen, an denen er ins Dozieren gerät kalt und distanziert, ganz Zahlentechnokrat, auch wenn er wie beschrieben von seinem Grundanliegen her durchaus Empathie zeigt, die dann deshalb so auffällt, weil es an ihr an so vielen Stellen im Buch mangelt.

Seine Fragen muss man sicher ernst nehmen - auf die Situation in den Niederlanden wurde ja schon hingewiesen, Sarrazin weist auch darauf hin, dass in England Bangla-Deshis und Pakistanis gegenüber Indern deutlich schlechtere Integrationserfolge aufzuweisen haben (sollen).

Sarrazin arbeitet (sich) auch an den bekannten Thesen und Antithesen sowie den sie begleitenden oder vorangegangenen Vorfällen ab, Gerhard Schröder kommt da ebenso zu Wort wie Necla Kelek und die Schöngeister aus den feuilletonistischen Elfenbeintürmen.

Deutlich wird indes immer, welche Position TS vertritt, die des Verteidigers des säkularen Staates, der säkularen Gesellschaft.

Vorwerfen mag man ihm, dass er Erdogans Worte aus 2008, jede Unterscheidung zwischen Islamismus und Islam beleidige den Islam,  dazu benutzt, das Trennende, das es dabei für viele zweifelsohne gibt, aufzuheben und insoweit synonymisiert, was er aber damit zu erklären sucht, es sei  völlig unbekannt, wie der Islam von der großen schweigenden Masse der Musime in Deutschland überhaupt definiert werde. Nun ja.

Allerdings kann Sarrazin für sich in Anspruch nehmen, dass der Islam in Folge seiner Verquickung von Staat und Religion und der Absage an jede Form der Apostasie (und sei es auch nur als Hinwendung zum Atheismus) mit unserem mühsam errungenen Verständnis von Demokratie und Pluralismus keinesfalls kompatibel ist, was selbst Eingeweihte wie Mohammad Khorchide nicht bestreiten und lediglich hoffen, es werde irgendwann möglich sein, den Islam zukunftsfähig zu machen.

Bleibt für die Muslime in Deutschland, die sich integrieren, also in diese Gesellschaft einbringen wollen, nur der Weg, auf die Segnungen dieser Religion zu verzichten oder sie etwa nur im Sinne des  Großen Dschihad ohne einen missionarischen Anspruch zu  leben, was ja nun kein so schlechtes Anliegen wäre, von TS aber auch nicht thematisiert wird.

Hier polemisiert er mir zu sehr, ich denke (ohne es zu wissen), dass der absolute Großteil der hier lebenden Muslime den Vorbeter einen guten Mann sein lassen und eine pragmatische Mixtur aus religiösen Vorgaben für den Einzelnen und westlicher Lebensart praktizieren getreu dem Motto "Wo kein Kläger, da kein Richter".

Die Stärke des Buchers liegt gerade in den Punkten, für die es massiv kritisiert wurde.

Es ist offen provokativ, lässt einen dadurch nicht unberührt, veranlasst gerade dadurch zum Nachdenken, zum Streiten und führt einen relativ schnell mittels These und Antithese relativ weit in das Sarrazin´sche Argumentationsgeflecht hinein.

Nicht die schlechteste Entwicklung, denn das Buch zwingt einen zu einem eigenen festen und diskutablen Standpunkt (lässt einen also nicht im moralisierenden Treibsand zurück, mit dem wir es in der öffentlichen Diskussion zu tun bekamen) und bestärkt einen in der eher vernachlässigten Fähigkeit, einem Gedanken zu folgen, um zu sehen, wohin er einen führt.

Einer der Gedanken dabei ist übrigens die Frage, warum zum Teufel es keinen "Anti-Sarrazin" gibt, keine Schwarte mit Statistiken und Belegen, dass das, was Sarrazin niedergelegt hat, falsch ist?

Entweder hat Sarrazin also recht oder es gibt das statistische Material hierzu nicht, was wiederum die Frage auslöst, inwiefern man dann sagen kann, das was Sarrazin schreibe, stimme gar nicht.

Aus rückblickender Sicht verbleibt für mich der Eindruck, das immer schwächer werdende Mainstreamgemurmel nach dem anfänglichen Theaterdonner war auch dem Umstand geschuldet, dass man kaum etwas widerlegen konnte.

Denn -  welche Schlussfolgerungen man aus dem Geschriebenen zieht, bleibt dann jedem selbst überlassen, ich wiederhole aber, dass eine Gesellschaft eine solche Diskussion aushalten können muss und da hat die sogenannte Avantgarde auf ganzer Linie versagt, auch weil sie die Intention des Buchs mißverstehen WOLLTE.

Das Buch wimmelt von Hinweisen darauf, für wie gefährlich Sarrazin diese Melange aus schlechter Bildung und fehlenden Berufsaussichten hält und daher auch rigide Maßnahmen fordert, über die man streiten kann oder muss, das aber auch wirklich tun sollte und das im Eingeständnis, dass von Sarrazin in diesem Punkt etwas angestoßen wurde. Wohin Friedhofsruhe führt, sieht man ja bestens am aktuellen Zustand der CDU und es kommt nicht von ungefähr, dass ausgerechnet Frau Merkel das Totenglöckchen für das Buch bimmeln lassen wollte.

 

 

So, jetzt habe ich die Schwarte durch und ich bin fassungslos.

DAS hat diese ganze Aufregung ausgelöst? Unglaublich.

Natürlich dürfte sich Sarrazin auf den etwa sechs bis acht von ca. 410 Seiten leicht vergaloppiert haben, bei denen es um Intelligenzunterschiede geht, denn er setzt Intelligenz ohne Not in einen m. E. nicht gerechtfertigten Kontext mit Bildung und kulturellem Hintergrund, was er gar nicht hätte tun müssen.

Ich gebe insoweit Henryk Broder recht, der sagte, hätte Sarrazin von "kulturell" oder Ähnlichem gesprochen, hätte niemand aufheulen können.

Außer Patrick Bahners natürlich, aber der hat ja auch sein Fett im Buch wegbekommen, weshalb ich nachfühlen kann, wie lange dieses halbe Jahr seit Veröffentlichung des Buches für Bahners gewesen sein muss, ehe er seine Konterattacke reiten konnte (durfte ja nicht zu offensichtlich mit dem Buch zusammenfallen).

Zum Piepen!

Ebenso wie die Aufregung darüber, Sarrazin maße sich an zu beurteilen, wie ein muslimisches Deutschland 2100 aussehe.

Das hat Sarrazin ausdrücklich als SATIRE bezeichnet und zwei denkbare, eindeutig überzeichnete Szenarien abgespult.

Zuviel für die Betroffenheitshysteriker.

Nö, jetzt habe ich noch viel weniger Verständnis für die Rassismusritter und noch viel mehr Angst vor der Verklemmtheit, mit der man hierzulande mit bestimmten Fragestellungen umgeht. Und Necla Kelek hatte auch recht - hier hat sich in der Tat einer einen Kopf über Deutschland gemacht. Was man damit erntet, hat man sehen können. Self-fulfilling prophecy? Man wird sehen.