Friedrich Lengfeld - der (fast) vergessene Held

Ein Wehrmachtsoffizier, hier? Vertreter einer Armee, die mithalf, Europa in ein Schlachthaus zu verwandeln? Ich denke, das ist deshalb gerechtfertigt, weil Lengfelds Geschichte den Freund-Feind-Rahmen sprengt und ein Zeichen der Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten und unter unmenschlichen Bedingungen war.

Friedrich Lengfeld wurde am 29.9.1921 im schlesischen Grunwald geboren und war Ende des Jahres 1944 als Leutnant Chef der 2. Kompanie des Füsilierbataillons der 275. Infanteriedivision. In dieser Funktion hatte er sich durch seinen Mut einen hervorragenden Ruf bei seinen Untergebenen erarbeitet.

                                      

Nachdem die Alliierten in der Folge der Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 nach anfänglichen Schwierigkeiten immer schneller vorgedrungen waren, standen sie nun an den Grenzen des Reichs. Der Durchbruch durch die massierten Verteidigungsstellungen der Wehrmacht ("Westwall") sollte zwischen Aachen und Monschau gelingen. Dort liegt auch der Hürtgenwald, ein knapp 150 Quadratkilometer großes Waldgebiet.

Die am 6. Oktober 1944 beginnende Schlacht im Hürtgenwald ist im kollektiven Bewusstsein der deutschen Bevölkerung in Vergessenheit geraten, für die Amerikaner hat sie eine weitaus größere Bedeutung. Sie entwickelte sich zur längsten Schlacht, die die US-Armee jemals schlagen musste und dauerte bis 10. Februar 1945. Die Verluste waren verheerend  und erreichten die bei Gettysburg 1863.

Teilgenommen haben auch Ernest Hemingway als Kriegsberichtserstatter, der von einem "Passchendaele  mit geborstenen Bäumen" sprach, seine Erlebnisse und Erfahrungen aus der Schlacht im Hürtgenwald in seinem Buch „Über den Fluß und in die Wälder“ verarbeitete, und Jerome Salinger, der als US-Soldat diente und in den Gefechtspausen angeblich die ersten Kapitel von "Der Fänger im Roggen" schrieb.

Die deutschen Einheiten, die gewissermaßen mit dem Rücken zur Wand kämpften, hatten das Waldgebiet in eine Alptraumlandschaft für die angreifenden US-Einheiten verwandelt, die ihre Luftwaffe, die Panzer und die Artillerie nicht wie gewohnt einsetzen konnten und den Wald „death factory“ nannten. Eine der dort aktiven Wehrmachts-einheiten war die 2. Kompanie unter Lengfeld.

Im Zuge der sog. „Allerseelenschlacht“ ab dem 2.11.1944 eroberte die Wehrmacht unter Beteiligung seiner Einheit am 12.11.1944 das Forsthaus Hürtgen zurück. In der Nähe lag neben einer Straße das Minenfeld „Wilde Sau“.

In dieses Minenfeld war ein amerikanischer Soldat geraten, der - offensichtlich schwerverwundet - um Hilfe rief. Seine Kameraden waren aber bereits abgerückt, Hilfe kam nicht. Lengfeld wies die schwerbewaffneten Posten an, auf keinen Fall zu schießen, sollten sich amerikanische Sanitäter nähern. Stunde um Stunde verging, aber es kam keine Hilfe, der verwundete Soldat rief immer noch herzzerreißend um Hilfe.

Daraufhin wandte sich Lengfeld an die Sanitäter seiner Kompanie und befahl ihnen, einen Bergungstrupp zusammenzustellen, er würde den Trupp anführen. Das Unterfangen war lebensgefährlich. Die im Minenfeld eingebrachten Panzerminen waren relativ gut sichtbar, nicht aber die vergrabenen Schützenminen.

Lengfeld wagte den Gang trotzdem und hatte den verletzten Amerikaner fast erreicht, als er auf eine Schützenmine trat. Die Mine explodierte und schleuderte ihn zu Boden. Mit zwei großen Löchern im Rücken wurde Lengfeld schwerverletzt zum nächstgelegenen Verbandsplatz der Wehrmacht in Froitzheim gebracht, wo er aber an den Folgen seiner schweren Verletzungen am selben Tag noch verstarb. Beerdigt wurde er auf dem Gemeindefriedhof in Düren-Rösdorf. Ob der verwundete amerikanische Soldat gerettet werden konnte, ist unbekannt.

1994 brachte die Veteranenvereinigung der 22. US-Infanteriedivision auf dem Ehrenfriedhof in Anwesenheit eines ehemaligen Meldegängers Lengfelds, Hubert Gees, eine Gedenktafel für Friedrich Lengfeld an, die folgende Inschrift aufweist:

                 No man hath greater love than he who
                 layeth down his life for his enemy.

         IN MEMORYOF LIEUTENANT FRIEDRICH LENGFELD
                              2nd. Co. Fues. Bn. 275th Inf. Div.

Here in Huertgen Forest on November 12, 1944, Lt. Lengfeld, a German officer, gave his life while trying to save the life of an american soldier lying severely wounded in the “Wilde Sau” minefield and appealing for medical aid.

PLACED AT THIS SITE ON OCTOBER 7, 1994

            THE TWENTY SECOND UNITED STATES
                  INFANTRYSOCIETY WORLD WAR II


                                    
“Deeds not words”


Lengfeld war der einzige deutsche Soldat, dem eine solche Ehre zu Teil wurde.

Neben der heute eher in Vergessenheit geratenen Formulierung "deeds not words" muss ich bei dieser Geschichte an den alle Hoffnung in sich tragenden Spruch  aus dem Talmud denken:

"Wer ein Menschenleben rettet, der rettet die ganze Welt".

Januar 2012