Roméo Dallaire - Handschlag mit dem Teufel

1.074.017 Opfer, davon  951.018 namentlich bekannt. 44% waren weiblichen Geschlechts, 50,1% Kinder (also über 500.000), 54,7% wurden durch Hiebwerkzeuge wie Keulen und Macheten getötet, 14,8% erschossen, 8% zu Tode geprügelt, 4% in Latrinen ertränkt. Die anderen wurden lebendig verbrannt, in Stücke gerissen, aufgehängt, zu Tode vergewaltigt, zum Selbstmord gezwungen oder überfahren.

1.074.017 Tote. Zu fast 100% innerhalb von drei Monaten umgebracht von einem gezielt gesteuerten Mob, dem Militär und Milizangehörigen zwischen April und Juni 1994.
In Ruanda. Ein Massaker, begangen von den Hutu an den Tutsi.
Und alle haben zugeschaut, ohne wirklich einzugreifen, denn – um es mit den von dem Journalisten Patrick de Saint-Exupéry kolportierten Worten des ehemaligen Staatspräsidenten Mitterand zu sagen – ein Völkermord in einem Land wie Ruanda „ist nicht so wichtig“.

Aber von Anfang an.

Ende 1993 war die Welt nach dem Rückzug der Amerikaner aus Somalia und dem Balkan-Konflikt einerseits, dem Ende der Apartheid in Südafrika und der Amtseinführung Mandelas andererseits weder bereit noch willens, irgendetwas Nennenswertes in ein Afrika-Engagement zu investieren, obwohl jeder, der da Ohren hatte zu hören und Augen zu sehen, erkennen konnte, dass eine sehr einflussreiche Hutu-Clique die Vernichtung der im Land lebenden Tutsi anstrebte.

Wer Tutsi war und wer Hutu, war einfach herauszubekommen – es stand zwingend im Personalausweis.
Im März 1992 übermittelte die belgische Botschaft eine Warnung an ihre Regierung, es existiere eine Art geheimer Generalstab, der beauftragt sei, die Auslöschung der Tutsi in Ruanda zu planen.

Bereits 1990 hatte die französische Botschaft an die Regierung gemeldet, den Tutsi gehe es – seinerzeit – darum, einem „Genozid zu entkommen“. Grund waren immer wieder begangene Massaker an Tutsi, denen hunderte zum Opfer fielen.   

Präsident Ruandas war im Jahre 1993 Juvénal Habyarimana, ein Hutu und enger Freund der Familie Mitterand, der sich 1973 an die Macht geputscht hatte.

Die drangsalierten Tutsi vereinigten sich im benachbarten Uganda zur sog. Ruandischen Patriotischen Front (RPF) unter ihrem Führer Paul Kagame.
Es gelang der RPF immer wieder, die ruandischen Regierungstruppen herauszufordern und ihnen Niederlagen beizubringen, was so weit ging, dass man die Einleitung von Friedensgesprächen für erforderlich hielt, die im tansanischen Arusha geführt wurden und in ein Friedensabkommen mündeten.
Die Umsetzung sollte durch die UNO-Mission UNAMIR überwacht werden, militärischer Kopf der Mission war der kanadische General Roméo Dallaire.

                                 

Dallaire,  geboren 1946, durch und durch Soldat, verheiratet und Vater mehrerer Kinder, befehligte eine Truppe bei Quebec, die Blauhelme für den Einsatz in Kambodscha, Kuwait und auf dem Balkan trainierte. 

Die Truppenkontingente für Ruanda, die Dallaire zur Verfügung gestellt wurden, waren zusammengewürfelt u.a. aus tunesischen, ghanaischen, urugayischen, belgischen und Einheiten aus Bangla-Desh. 

Abgesehen von den Belgiern, die von den Ruandern eher als Kolonial- denn als Friedenstruppen wahrgenommen wurden (ein Eindruck, den die Belgier dann auch nach Kräften nährten, da sie unter anderem immer wieder prahlten, sie wüssten, „wie man Negern in den Arsch tritt“), waren die Truppenkontingente entweder gar nicht oder nur sehr notdürftig ausgerüstet bzw. ausgebildet und waren von den Geberländern nur deshalb gestellt worden, weil sie dann deren Versorgung der UNO übertragen konnten.
Entsprechend war in weiten Teilen auch die Moral, die sich beispielsweise daran zeigte, dass sich die Bangla-Deshis schlicht weigerten auszurücken, als sie von Dallaire während der Massaker den Befehl zum Schutz der Zivilbevölkerung erhielten bzw. ihre Panzerfahrzeuge vorsätzlich beschädigten, um nicht in Kampfhandlungen verwickelt zu werden.  

Ausrüstung stand ebenfalls praktisch nicht zur Verfügung, stellenweise mussten Stabsoffiziere Schreibtischarbeit bäuchlings auf dem Boden liegend verrichten, weil es schlichtweg an Tischen und Stühlen fehlte.
Gleichwohl ging Dallaire seine Aufgabe in Ruanda enthusiastisch an, da er der Meinung war, bei allem was er tat, sich der Rückendeckung der gesamten westlichen Welt sicher sein zu können.

Das letzte Quartal des Jahres 1993 verbrachte Dallaire im wesentlichen damit, sich und seine Truppen soweit irgend möglich zu organisieren.

Am 10.01.1994 wurde er von einem Informanten kontaktiert, einem ehemaligen Offizier der ruandischen Spezialkommandos und der Präsidialgarde, dem man den Decknamen „Jean-Pierre“ gab.


Jean-Pierre wies die UNAMIR-Vertreter darauf hin, dass er in seiner neuen Funktion als Chefausbilder der staatlichen Jugendorganisation Interamhamwe junge Männer zum Aufbau einer Miliz zu drillen habe.
Offiziell sei ihm gesagt worden, dass diese Miliz ggf. gegen die RPF zu kämpfen habe, sollte diese weiter offensiv bleiben.
Ihm seien jetzt aber Zweifel über den tatsächlichen Zweck der Ausbildung gekommen, denn er und andere Kommandeure der Interahamwe hätten den Befehl bekommen, mittels ihrer Untergebenen alle Tutsi, die in der offiziellen Hasspropaganda des Rundfunksenders RTLM nur inyenzi (= Kakerlaken) genannt wurden, in Listen zu erfassen.

Bei den dreiwöchigen Ausbildungskursen würden den Männern spezielle Tötungstechniken beigebracht. Sie würden danach in ihre Dörfer gebracht, um die Listen anzufertigen und „auf den Ruf zu den Waffen zu warten“.
Waffen seien in vier verschiedenen Lagern in Kigali, Ruandas Hauptstadt, verteilt worden, er sei bereit, Dallaire eines der Lager zu zeigen.
Der zivile Stab von UNAMIR sei unterwandert, die ruandische Regierung wisse über jeden Schritt der Missionsführung Bescheid.
Er wolle Geld und Pässe für sich und seine Familie.

Dallaire glaubte dem Informanten und beschloss, schnell zu handeln, in dem er Befehl gab, die Waffenlager zeitgleich auszuheben, da sie einen Bruch des Friedensabkommens darstellten und sich immer deutlicher abzeichnete, dass ein Massaker ungeahnten Ausmaßes unmittelbar bevorstand .

Hierzu bedurfte es des vorherigen Einverständnisses der Missionsleitung in New York, dem sog. DPKO (UN-Department of Peacekeeping Operations).
Der zuständige Mitarbeiter, Dallaire insoweit vorgesetzt, rüffelte den General, wie er nur daran denken könne, die Waffenlager auszuheben, UNAMIR sei rein defensiv (wer die Blauhelm-Mission im ehemaligen Jugoslawien und deren Folgen kennt, weiß wie so etwas aussieht), 
Dallaire solle sofort Präsident Habyarimana informieren. 


Ausgerechnet Habyarimana, unter dessen Augen, womöglich auf dessen Befehl hin, Massaker verübt wurden, der Presse und Rundfunk tagtäglich rassistische Hetze betreiben liess. Dallaire war entsetzt und versuchte immer wieder, die Entscheidung zu korrigieren, aber nichts half, also informierte er weisungsgemäß den Präsidenten, der sich überrascht gab.
Dallaire traf sich danach erneut mehrfach mit Jean-Pierre, der ihm u. a. berichtete, man beschleunige bei der Interahamwe nunmehr die Verteilung von Waffen.

Er belieferte UNAMIR mit derart vielen detaillierten Informationen, dass Dallaire New York und dort seinem Vorgesetzten eine weit verzweigte und gut organisierte Verschwörung zur Sabotage des Arusha-Abkommens nachweisen konnte.

New York ignorierte das und war auch nicht bereit, Papiere für Jean-Pierre zur Verfügung zu stellen, da man sich nicht in „verdeckte Aktivitäten“ verwickeln lassen wollte.
Jeder Hilferuf von Dallaire nach Aufstockung des Truppenkontingents von etwa 2.500 Mann auf dringend benötigte ca. 5.500 Mann und Verbesserung der Ausrüstungssituation wurde kategorisch abgelehnt, zumeist von dem bereits erwähnten New Yorker Vorgesetzten, einem Unterstaatssekretär namens Kofi Annan, der wiederum als verlängerter Arm des Generalsekretärs Boutros-Boutros Ghali fungierte.

Der Boden für den Völkermord war bereitet.

Am 6.4.1994 gaben die UN-Militärbeobachter um etwa 20:20 Uhr durch, am Flughafen von Kigali habe es eine Explosion gegeben.

Wie sich herausstellte, war das Flugzeug, in dem sich Präsident Habyarimana und der burundische Präsident Ntaryamira befunden hatten, abgeschossen worden.

Exkurs:

Nach heute vorherrschender Meinung ist Habyarimanas Maschine von seinen eigenen Leuten abgeschossen worden, da es weite Kreise gerade in der Armee gab, die einem Friedensabkommen mit der RPF und vor allem der Wiedereingliederung exilierter Tutsi sehr ablehnend gegenüber standen.
Der Hügel, von dem aus die Raketen abgefeuert wurden, stand unter der Kontrolle von Habyarimanas Prätorianern, dito der Flughafen, dessen Lichter beim Anflug plötzlich ausgingen, um die Piloten zu verwirren.
Keine RPF-Einheit hätte die Möglichkeit gehabt, zumal mit einem oder mehreren Raketenwerfern unerkannt durch Kigali und auf den Hügel zu gelangen, von einer Flucht nach dem Abschuss ganz zu schweigen. Zwischen Parlament und Hügel waren nicht weniger als sieben Checkpoints der Regierungsarmee eingerichtet, an denen penible Ausweis- und Fahrzeugkontrollen durchgeführt wurden.

Der Rundfunksender RTLM sendete umgehend und fortlaufend Aufrufe zu Mord und Totschlag, nur unterbrochen von hetzerischen Kommentaren und aufpeitschenden Liedern.  

Unmittelbar darauf erreichten Dallaire beunruhigende Nachrichten über Militär-, Miliz- und Interahamwe-Gruppen, die mit Listen von Haus zu Haus gingen und Tutsi abholten oder gleich an Ort und Stelle ermordeten.
Ein „Netzwerk Null“ unter Führung des an der französischen „École de Guerre“ ausgebildeten Obristen Théoneste Bagosora hatte die Macht an sich gerissen und den sorgsam vorbereiteten Befehl zur Auslöschung der Tutsi erteilt.

Trotz der massiven Vorwarnungen, über die Dallaire nach New York berichtet hatte, verfügte er zu diesem Zeitpunkt lediglich über die belgischen Fallschirmjäger, das praktisch nutzlose Kontingent von etwa 1.100 Mann aus Bangla-Desh, mehrere hundert Ghanaer und Tunesier, die sich laut Dallaire als hervorragend herausstellten sowie eine urugayische Einheit, jeweils ohne nennenswerte Ausrüstung, und ca. 300 unbewaffnete und über das Land verteilte Militärbeobachter.
Dallaire versuchte, auf Bagosora einzuwirken, das Gemetzel zu beenden, musste jedoch hilflos mit ansehen, wie die Tutsi in ihren Häusern zielgerichtet aufgesucht und massakriert wurden, zu Hunderten und Tausenden. Minütlich erreichten den Stab Hilferufe über Telefon, aber die manpower reichte einfach nicht aus, den Schutz so vieler Bedrängter zu gewährleisten.

Nachher wird Dallaire sagen, wie sehr es ihn mitgenommen hat, diese Anrufe entgegenzunehmen, die Hilferufe, die Handgemenge und die Schüsse über den Hörer hilflos mit anhören zu müssen, um anschliessend das Schweigen in der Leitung zu ertragen, bevor das Telefon erneut klingelte. Pausenlos.

Am 7.4.1994 massakrierten ruandische Soldaten dann zehn der belgischen Soldaten, um Belgien zu einem Abzug dieser als am gefährlichsten eingestuften Truppen zu veranlassen.

Dallaire taumelte ebenso wie seine Leute und die hilflose Tutsi-Bevölkerung durch einen Alptraum aus Blut und Gewalt, der 100 Tage dauern sollte und in dem selbst zehnjährige Kinder andere Kinder umbrachten.

So wurden zwei Militärbeobachter in der Gikondo-Gemeindekirche einquartiert und mussten feststellen, dass das Gebiet – sehr planmäßig - von Regierungstruppen abgeriegelt wurde, Gendarmerie von Haus zu Haus ging, alle Tutis zusammen und in die Kirche trieb. Der Priester und die beiden unbewaffneten Militärbeobachter wurden mit Waffen bedroht und mussten das sich anschließende Massaker in der Kirche mit ansehen. Schwangere wurden aufgeschlitzt, die Föten zerhackt, Männern spaltete man die Schädel, Kinder flehten um ihr Leben, wurden aber ebenso wie ihre Eltern verstümmelt und zerhackt.

Danach zogen die Täter ab und als die beiden Beobachter am nächsten Tag aufgenommen wurden, verfiel der eine in völliges Schweigen, der andere sagte nur, er habe schon in einigen Ländern gedient, er sei schon im Irak und in Kambodscha gewesen, er habe genug, er fahre jetzt nach Hause.

Ende April wurden 40.000 Leichen aus dem Victoria-See geborgen, die meisten davon Tutsi.

Zwei Massaker von tausenden.
Der eigentliche chef de mission, ein Kameruner namens Jacques-Roger Booh-Booh (es handelt sich nicht um einen Spitznamen) setzte sich in der Folge nach Nairobi ab, um Dallaire später die Schuld für das Scheitern der Mission in die Schuhe zu schieben.

Dallaire blieb allein mit seinen dezimierten und mehr oder minder hilflosen Truppen.
Seine Hilferufe verpufften, die Welt schaute zu und schwieg.
Statt Hilfe zu leisten setzte sie bereits sechs Tage nach Ausbruch des Völkermords Spezialtruppen in Marsch, um die im Land verbliebenen Ausländer zu evakuieren.
Französische Truppen evakuierten ihre Landsleute aus der von Milizen umstellten Don-Bosco-Schule, die dort verbliebenen 2.000 Tutsi wurden anschließend abgeschlachtet.

Das war das letzte Zeichen an die Mörder, dass man Ruanda allein und sie gewähren ließ.

In der Folge zogen auch die Belgier ihr Kontingent ab.
Die Franzosen brachten es nach m. W. nie offiziell bestrittenen Erkenntnissen der nationalen Untersuchungskommission in Kigali zudem fertig, noch während des Völkermordes über Goma weiter Waffen in das gepeinigte Land zu liefern.
Zwischenzeitlich hatte sich nun auch Kagames RPF in Bewegung gesetzt, um die Macht im Land zu übernehmen.

Dallaire versuchte trotz der verzweifelten Lage, durch Einflussnahme auf Befehlshaber und auch direkte Gespräche mit Vertretern der Interahamwe – seinem Handschlag mit dem Teufel, wie er sein Buch dann auch nannte -, deren Präsident Robert Kajuga beim ersten Treffen mit Dallaire noch Blut am Hemdkragen klebte, das Schlimmste zu verhindern, was ihm aber nicht gelang, da man auf Seiten seiner Gesprächspartner wusste, dass es Dallaire niemals gelingen würde, ein robustes Mandat zu initiieren oder in Gang zu setzen.
Entsprechend erfolglos waren seine Bemühungen auch in den Gesprächen mit Kagame.

Trotz der eindeutigen Nachrichten aus Ruanda und der unbeantwortet bleibenden Frage von Dallaire an Kofi Annan, wann aus Mord Völkermord werde, weigerte sich die Welt, das Wort „Völkermord“ in den Mund zu nehmen, denn dann wäre ein robustes Eingreifen eindeutig erforderlich geworden.

Nachdem man die Gräuel kaum mehr abstreiten konnte, verfiel Madeleine Albright als Sprachrohr der Clinton-Administration auf den Gedanken, „afrikanische Sicherheitsprobleme können nur durch afrikanische Staaten gelöst werden“, wobei jeder wusste, dass diese Staaten niemals in der Lage sein würden, UNAMIR so zu verstärken, dass es nicht mehr Spielball der Bürgerkriegsparteien sein würde.
Folgerichtig passierte auch nichts.

Die USA weigerten sich beispielsweise aus Kostengründen, ein Flugzeug mit einem Störsender gegen den nach wie vor geifernden Propagandasender RTLM einzusetzen, obwohl dieser mitursächlich für die Ermordung von 8.000 – 10.000 Ruandern JEDEN TAG war.

Die USA verpflichteten sich dafür, 50 Panzerwagen zu stellen. In lähmenden wochenlangen Verhandlungen konnte am mit ihnen vereinbaren, dass die zuvor unentgeltlich zu stellenden Fahrzeuge geleast wurden ( 4 Mio. US-$ in advance versteht sich) und die UNO weitere 6 Mio. US-$ für den Transport der Fahrzeuge nach Uganda zahlte. Als sie endlich ankamen, stellte man fest, dass es sich um Schrott ohne Maschinengewehre, Funkgeräte, Handbücher, Ersatzteile etc. handelte.

Die Briten sagten 50 Bedford-Transporter, die nicht einmal für ein Museum getaugt hätten, zu und soweit sie überhaupt geliefert wurden, fielen sie alle innerhalb kürzester Zeit aus. 

Am 30.05.1994 wurde Hauptmann Diagne Mbaye aus dem Senegal von den Splittern einer von der RPF auf Regierungstruppen abgeschossenen Granate getötet. Mbaye hatte die Kinder der getöteten Premierministerin in Sicherheit gebracht und Dutzende von Ruandern danach unter Einsatz seines Lebens gerettet. Dallaire verlor eine weitere wichtige Stütze in seinem aussichtslosen Kampf um die Stabilisierung der Lage.
Mark Doyle von der BBC schrieb an Dallaire:“ Können Sie sich die breite Medienberichterstattung vorstellen, die ein toter britischer oder amerikanischer Friedenshüter von Mbayes Tapferkeit und Format erhalten hätte? “ .

Am 8.6.1994 lief dann doch noch, wenn auch zögerlich UNAMIR 2 an, eine Verstärkung der ursprünglichen Mission. Mittlerweile hatte sich Kagames RPF bis Kigali bzw. den Süden vorgekämpft, trieb Flüchtlinge und Regierungstruppen vor sich her und stand unmittelbar davor, den Bürgerkrieg zu ihren Gunsten zu entscheiden.

Plötzlich sprach nun Bernard Kouchner, Mitterands „Vermittler“ für Ruanda am 17.06.1994 bei Dallaire vor und enthüllte, La Grande Nation wolle sich militärisch engagieren, "um den Völkermord zu beenden".
Nachdem sich Dallaire verbal ausgekotzt hatte, erinnerte er Kouchner daran, er wisse ja sicher selbst, dass Frankreichs eigene Verbündete die Architekten dieses Völkermordes seien.

Kouchner kündigte nichts anderes als die Opération Turquoise an, die unter dem reichlich kurzen Mantel der Humanität eine totale Vernichtung der ruandischen Regierungsarmee und damit einen totalen Sieg von Kagames RPF verhindern sollte.
Die Franzosen stationierten mehr als 2.500 Elitesoldaten im benachbarten Goma, nahe der ruandischen Grenzstadt Gisenyi und erhielten einen von ihnen geschützten Sektor, der an die von der RPF kontrollierten Gebiete abgrenzte.

In der Folge schalteten sich auch immer weitere Staaten mit Hilfeleistungen ein, worauf sich die Versorgungs- und Sicherheitssituation stetig verbesserte.

Dallaire war körperlich und seelisch am Ende. Es war ihm und seinen Männern zwar gelungen, zehntausende Ruander zu retten, den Völkermord selbst konnten sie nicht verhindern.

Am 20.8.1994 verließ Dallaire Ruanda wieder als kranker Mann. Er litt unter einem posttraumatischen Stress-Syndrom, wurde mit Tabletten und Therapien behandelt, weil er die Alptraumszenen nicht vergessen konnte und mit schrecklichen Schuldgefühlen zu kämpfen hatte.

Trotz der Behandlungen wurde er alkohol- und tablettenabhängig und beging mehrere Selbstmordversuche.

Ihm gelang es dann jedoch, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, sein Buch, das er als Katharsis bezeichnet, zu schreiben, Vorträge zu halten und vor dem UN-Tribunal ICTR in Arusha gegen die Architekten des Völkermords wie Bagosora auszusagen. 


Anmerkung 1:
Die Welt reagierte dann doch und zwar auf das Flüchtlingselend in den (Hutu)Lagern von Goma, über die sich Mitleid und ein Hilferegen ergoss. Die Völkermörder hatten zunächst die Staatsressourcen geplündert und sich danach – soweit sie nicht festgesetzt werden konnten – unter die Flüchtlinge gemischt, nichts anderes als Leichenberge und verbrannte Erde zurücklassend.
Ruanda selbst, nunmehr unter der Herrschaft des Tutsi Kagame, blieb übrigens sich selbst überlassen.

Anmerkung 2:
In einer Art Vorwärtsverteidigung gehen oder gingen die Franzosen dazu über, die Tutsi für den Völkermord an ihnen (mit)verantwortlich zu machen.

Für die Aufarbeitung a la francaise ist in Frankreich der Untersuchungsrichter Jean-Louis Bruguière zuständig, der seit 1998 ermittelte und zum Schluss kam, das Attentat auf Habyarimana sei von Kagame angeordnet worden, der dann den sich anschließenden Genozid billigend in Kauf genommen habe.

Abgesehen davon, dass das rein tatsächlich praktisch unmöglich war (wie oben beschrieben), stützte sich Bruguière im Wesentlichen auf die Aussagen von Leuten, denen wegen ihrer Beteiligung an dem Völkermord in Arusha der Prozess gemacht wurde, ferner auf die Aussagen eines Majors Abdul Ruzibiza, einem Überläufer der RPF, der in Norwegen politisches Asyl erhielt und behauptete, an der Generalstabssitzung teilgenommen zu haben, bei der Kagame den Attentatsbefehl erteilt haben soll.

Seine Vorgesetzten, darunter General Kabarebe, wiesen jedoch darauf hin, dass Ruzibiza im April 1994 in Byumba, im Norden des Landes, als Hilfssanitäter eingesetzt gewesen sei und auf keinem Fall an Generalstabssitzungen der RPF teilgenommen haben könne.

Der im November 2006 veröffentlichte Bericht war dann auch derart tendenziös und wies derartig gravierende inhaltliche Fehler auf, dass ihm der ICTR-Sprecher Everard O´Donnell am 30.11.2006 in einer Pressekonferenz eine harsche Abfuhr erteilte.

Die Erkenntnisse des Arusha-Tribunals gingen in die entgegen gesetzte Richtung, es habe sich um eine von den Hutu initiierte „planmäßig vorbereitete und sytematisch organisierte Verschwörung mit dem Ziel des Völkermords gehandelt“.

Kigali brach die diplomatischen Beziehungen mit Frankreich umgehend ab und brachte Frankreich vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

2007 begannen im Übrigen die Anhörungen von Zeugen zur Ausleuchtung der Operation Turquoise. Den damals Beteiligten wird vorgeworfen, nicht aus humanitären Gründen gehandelt, sondern primär das Ziel gehabt zu haben, den Hutu-Mördern einen Zufluchtsort zu schaffen.
Nicht gänzlich unerwartet wurde Bruguières Bericht gerade in französischen Militärkreisen mit großer Genugtuung aufgenommen.

Anmerkung 3:
Französischer Außenminister während des Genozids war Alain Juppé. Dessen Kabinettsdirektor – zuständig für die direkte Aufsicht der Beziehungen zwischen Paris und Kigali – war damals ein gewisser Monsieur de Villepin, 2006 französischer Premierminister.

Anders als Belgiens Ministerpräsident Verhofstadt, Bill Clinton und Kofi Annan hat sich die französische Staatsführung übrigens bis heute nicht bemüßigt gefühlt, Reue für die damaligen Versäumnisse und Verhaltensweise zumindest zu artikulieren. Staatsraison eben. Manchmal möchte man wirklich kotzen.

Anmerkung 4:
Ruanda versucht, neben dem ICTR auch selbst für Aufklärung der zehntausenden Verbrechen zu sorgen und zwar durch Installation der sog. Gacaca, bei denen es sich um Dorfgerichte handelt, denen sog. inyangamugayos – integre Personen – vorsitzen.

Überführte Mörder können mit lebenslanger Haft bestraft werden. Diese Gerichte wurden erforderlich, da die Zahl der Straftaten derartig gewaltig war, dass man sie in der ordentlichen Gerichtsbarkeit niemals hätte bewältigen können, was den Eindruck in dem mühsam zur Ruhe gekommenen Land genährt hätte, diese Verbrechen blieben ungesühnt. Versöhnung und Vergangenheitsbewältigung stehen im Vordergrund, auch wenn es sicher berechtigte Zweifel gibt, ob die Gacaca die Anforderungen an ein faires Verfahren immer erfüllen, zumal es sich bei den Richtern trotz aller geforderter Integrität um unentgeltlich tätig werdende Laien handelt.

Anmerkung 5:
Schauen wir heute - im Mai 2008 - nach Darfur. Ruanda war und ist kein Einzelfall. Interessiert heute noch irgendwen, was derzeit im Sudan passiert?

Anmerkung 6:
Wirklich verwunderlich ist die Haltung der Franzosen und speziell ihres Staatspräsidenten Mitterand nicht.

Der brachte es bei der Münchner Wirtschaftsgipfel im Sommer 1992 und damit drei Monate nach einem weiteren Höhepunkt in der Raserei der serbischen Massenmörder – der Einkesselung von Sarajewo – fertig festzustellen, er habe „die historischen Bindungen zwischen Serbien und Frankreich und ihre Solidarität in zwei Weltkriegen nicht vergessen“, weshalb das Frankreich Mitterands nicht nur blutigste Hände hat was Ruanda angeht, sondern auch wegen seiner Haltung dem Massenmörder Milosevic gegenüber.

Von ähnlicher Kragenweite ist ein Herr Boutros Boutros Ghali gewesen, der bei einem Besuch bei der hungernden und frierenden, von ständiger Todesangst bedrohten Bevölkerung Sarajewos in seiner Funktion als UN-Generalsekretär wohlgemerkt öffentlich davon faselte, was man denn wolle, er können stante pede zehn Orte nennen, wo es den Leuten schlechter gehe, womit er wieder einmal schlagend bewiesen hatte, dass die größten Flaschen den kleinsten gemeinsamen Nenner der sog. "Völkergemeinschaft" darstellen, die immer dann versagt, wenn sie am nötigsten gebraucht wird.

Anmerkung 7:
Am 1812.2008 wurde Bagosora vom Arusha-Tribunal zu lebenslanger Haft verurteilt.