Christopher Hitchens - Der Herr ist kein Hirte

Betonen muss man nicht, dass das eine intellektuell sehr ansprechende Anklageschrift ist mit dem wegweisenden Untertitel "Wie Religion die Welt vergiftet".

Auch wenn man dem Buch mit gebotener Distanz begegnet, um sich nicht gleich von Hitchens´ Brillanz korrumpieren oder besser infizieren zu lassen, fällt es schwer, sich seinen Gedankenspielen und Schlussfolgerungen zu entziehen.

Einen meiner Vorbehalte pulverisierte er relativ früh:

" Mir fallen spontan Priester, Bischöfe, Rabbiner und Imame ein, die der Menschlichkeit Vorrang vor ihrer eigenen Religionsgemeinschaft oder ihrem eigenen Glauben einräumten.Die Geschichte hält viele solche Beispiele bereit, auf die ich später noch eingehen will. Doch das ist ein Kompliment an den Humanimus, nicht an die Religion". 

Tja.

Trotzdem. Ist die Religion die Verkörperung einer Anlage, sprich, würde der Mensch ein anderes Vehikel für seinen Chauvinismus, seinen Krieg gegen den Nächsten finden, gäbe es die Religion nicht?

Egal. Hitchens führt einen an der Hand durch ein Monströsitätenkabinett, dass man fortwährend nur staunt oder den Kopf schüttelt. Eine Beschreibung hier sprengte jeden Rahmen.

Das Buch ist von einem Genie geschrieben, es moussiert wie ein erstklassiger Champagner. Woran man das merkt? Man versteht jeden Satz (die fast allesamt ein intellektuelles Vergnügen sind) und dieses Verständnis löst sogar eigene Gedankenkaskaden aus. Wahre Genies müssen sich und ihre Anliegen nicht hinter Fachbegriffen und geschraubten Formulierungen verbergen.

Kaufen, auch wenn die Null-Aussicht auf ein Wiedersehen mit seinen Lieben im Jenseits natürlich wenig trostreich ist. Aber vielleicht irrt Hitchens ja auch.