Stanislaw Petrow – ebenfalls (fast) vergessener Held

Petrow ist einer der Männer, die dafür gesorgt haben, dass wir uns auch heute noch an Sonnenauf- und –untergängen erfreuen dürfen.

Die Sowjet-Union hatte in den 70ern des letzten Jahrhunderts damit begonnen,  in ihrer Glacis mehr als 400 Mittelstrecken-raketen des Typs SS 20 aufzustellen, von denen 2/3tel auf westliche Ziele gerichtet waren. Sprengkraft bis zu 1.000.000 Tonnen TNT.

Der Westen reagierte bekanntlich mit dem sog. Nato-Doppelbeschluss , der u.a. auch die Aufstellung von nach Osten gerichteten  Pershing-II-Raketen und Cruise Missiles beinhaltete. Die Älteren wie ich werden sich noch erinnern, ich habe damals auch meine Zeit beim Bund abgerissen.

Beiderseits des Eisernen Vorhangs lagen die Nerven blank, die Sowjets unter Andropow rechneten durchaus mit einem Erstschlag der USA unter Reagan. Die Hysterie ging so weit, dass die Sowjets überprüften, ob US-Bürger verdächtig viele Lebensmittel horteten, hochrangige Beamte Überstunden schoben oder generell nachts die Lichter in Büros von Regierungsgebäuden länger brannten. Man wertete das als mögliche Vorbereitung eines Krieges.

Gesteigert wurde die Nervosität durch ein für November 1983 angesetztes weitreichendes Nato-Manöver auf Kommando- und Kommunikationsebene namens „Able Archer 83“. 

Anfang September 1983 schossen sowjetische Kampfpiloten einen koreanischen Jumbo Jet der Korean Airlines ab, weil der versehentlich in sowjetischen  Luftraum eingedrungen war, 269 Menschen kamen ums Leben.

Kurz, die Kacke war am dampfen.

Die Sowjets entwickelten und installierten bereits ab Ende der Sechziger ein satellitengestütztes Raketenfrühwarnsystem namens „Oko“, bei dem die gleichnamigen Oko-Satelliten (= „Auge“) ins All geschossen und in zwei  verschiedenen Orbits platziert wurden. Diese Satelliten sollten Alarm schlagen, wenn sie einen oder mehrere US-Raketenstarts detektierten.

Petrow war als gelernter Ingenieur eigentlich Zivilist, gehörte aber der Roten Armee an und zwar im Rang eines Obersten. Grund waren seine technischen Fähigkeiten und Kenntnisse, so waren beispielsweise die Computerprogramme für Oko und die Handbücher zur Bedienung des Systems von ihm entwickelt worden.

Eingesetzt war Petrow in der Nähe von Moskau in der Bunkeranlage Serpuchow-15, in der das Frühwarnsystem überwacht wurde.

Am 26.9.1983 trat Petrow seinen Dienst abends um 20:00 Uhr an. Kurz vor Mitternacht meldete das System einen Raketenstart in den USA.

Petrow entschied, dass es ein Fehlalarm sein musste und gab das so auch an seine Vorgesetzten weiter. Er war der Meinung, dass die USA niemals mit einer einzigen Rakete angreifen würden und eine Erwiderung Millionen von Menschen das Leben kosten würde.

Doch noch während des Telefonats mit dem Vorgesetzten meldete Oko den Start weiterer vier US-Raketen und zwar mit der computergestützten Einschätzung maximaler Wahrscheinlichkeit. Petrow ließ das System checken, eine Fehlermeldung war auszuschließen. 

In diesem Augenblick schrieb er Geschichte.

Er teilte seinem Vorgesetzten mit, er sei nach wie vor der Auffassung, dass das Fehlalarme seien und er melde sich wieder. Seinen 200 Mitarbeitern erklärte er, sie seien klüger als die Computer, sie hätten sie geschaffen.  Das seien Fehlalarme. 

Minuten später wurde seine Einschätzung vom System bestätigt, offensichtlich hatten ausgerechnet bei US-Raketenstützpunkten abgelenkte Sonnenstrahlen das System getäuscht.

Es gilt heute als gewiss, dass die sowjetische Führung einen vollen Gegenschlag angeordnet hätte, wäre Petrow zum Schluss gekommen, es handle sich nicht um Fehlalarme. Nicht auszudenken, wenn nicht ein so kühler und beherzter Mann die Entscheidungsgewalt inne gehabt hätte, sondern ein hirnloser Militärapparatschik.

Man hat ausgerechnet, dass bei einem solchen Gegenschlag praktisch alle Städte über 100.000 Einwohner ausgelöscht worden wären, die Überlebenden wären einer atomaren Wüste überantwortet worden, die Apokalypse also.

Die Verantwortung lag auf den Schultern eines Mannes, eines Helden, der übrigens von seinen Vorgesetzten nachher getadelt wurde, weil er das Dienstbuch nicht korrekt geführt hatte während die Alarmsirenen schrillten. So sind Militärs eben, man sollte sie nie unbeaufsichtigt spielen lassen.

Petrow, dessen Frau 1997 starb, lebte zuletzt zurückgezogen und einsam in Frjasino bei Moskau. In New York erhielt er die Auszeichnung „World Citizen´s Award“ für Verdienste um die Menschheit.

Offensichtlich wurde man dann nach und nach doch aufmerksam(er) und initiativ, ich freue mich für Stanislaw Petrow, dass er gegen Ende seines Lebens noch einmal zumindest im Westen ansatzweise die Ehrung erfährt, die er verdient. 

Ein großer Mann, ich verehre ihn und seinen Mut.