Die Nacht vom 30. auf den 31.3.2008, Umstellung auf Sommerzeit - DAS RITUAL.

Schlafforscher geben sich bei Pro7 die Klinke in die Hand und beschwören weitreichende Störungen des Biorhythmus´, der besorgte Bürger auf der Strasse (und vor der Kamera) erklärt, er sei sowieso schon immer dagegen gewesen (wie seit jeher in diesem Looonde) und ganz allgemein beschleicht einen das Gefühl, die Zeitumstellung käme gleich nach dem Leberkrebs.

ICH freue mich jedenfalls auf längere Abende draußen.


E-mails, sms, alles Teufelszeug, nur der handgeschriebene Brief atmet die verdiente Wertschöpfung für den Empfänger, zumindest nach Ansicht diverser Kolumnisten und Feingeister, die freihändig mit Begriffen wie „fin de siècle“, „malolaktische Gärung im Barrique-Fass“ und „Worpswede“  jonglieren und kraft der suggestiven Wirkung ihrer Zeilen zumindest bei mir die Assoziation wecken, man sähe sie nur mit  dezent karierten Westen auf Vernissagen avantgardistischer Kunstschaffender durch die Räume schweben.

Wer aber wie ich im Krötenpfuhl tristen Alltags herum plantscht und tausend, letztlich vergebene Vermeidungsstrategien entwickelt, wenn das Telefon klingelt, dankt dem Eierkopf, der ihm die Möglichkeiten digitaler Kommunikation geschenkt hat.

Abgesehen davon, dass das Internet der größte Demokratisierer der letzten hundert Jahre ist, weil es auch Krethi und Plethi von der Straße (also mir) die Möglichkeit gibt, vielen Dingen, die weiland als gottgegeben angesehen werden mussten, auf den Grund zu gehen, freue ich mich jedes Mal auf´s Neue, wenn ich Outlook anklicke und feststelle, dass wieder irgend jemand aus meinem überschaubaren Freundeskreis an mich gedacht hat.

Und selbstredend ist es auch für einen selbst sehr viel einfacher, eben mal im digitalen Adressbuch zu kramen und aus dem muckelig warmen Arbeitszimmer in die Welt hinaus zu feuern, anstatt anorakbewehrt mit dem eigenen Gekrakel zur nächsten, im Zweifel geschlossenen Postagentur zu juckeln, um dann vergebens auf Rückantwort zu warten, weil der Empfänger seinen Anorak verlegt hat oder das Büttenpapier alle ist. 

Juli 2008

 

 

 


„Die Welt zu Gast bei Freunden“ lautet das deutsche Motto zur WM 2006.

Nun machen sich die Deutschen ja ohnehin viel zu viel Gedanken über das, was die Einwohner anderer Staaten über sie denken.

In mehreren europäischen Staaten wie beispielsweise Frankreich und Italien kommt lt. Mitteilung dort lebender Deutscher unser Land, speziell seine Politik, in den Medien allerdings kaum vor.

Um so interessanter ist es, wie beispielsweise in Großbritannien WM-Fans auf den Trip nach Deutschland vorbereitet werden. Der  Markt für einschlägige Reise- und Benimmführer boomt.

Unter der site http://www.rp-online.de/public/article/nachrichten/journal/285571 fand ich den folgenden Artikel, der sich mit diesen Guides befasst und amüsante Einblicke in ein Land gewährt, das zu kennen ich glaubte.

London (rpo). Was macht ein Brite bloß, sollte er sich nach Deutschland verirren und dort auf Einheimische treffen?

Im Umgang mit dieser Situation boomen in Großbritannien Ratgeber und Handbücher, die über mögliche Fettnäpfchen aufklären.

Wie heißt das dünnste Buch der Welt? "1000 Jahre deutscher Humor".

Diesen Witz sollte man besser nur zu Hause, aber nicht im deutschen Ausland erzählen, empfiehlt der britische Ratgeber "Deutschland - Ein Überlebenshandbuch".

Das Nachschlagewerk steht auf der Insel griffbereit in zahlreichen Buchhandlungen, genauso wie "Kulturschock Deutschland" (mit Testsituationen) oder "Gerüstet für Deutschland".

Aber auch ganz normale Reiseführer geben ihren Lesern viele Verhaltensratschläge für den Umgang mit den Eingeborenen, die auf den ersten Blick einen so Furcht erregenden Eindruck machen.

Denn - da sind sich alle einig - die Deutschen schauen im Allgemeinen ernst bis finster drein. Davon soll man sich aber nicht abschrecken lassen - es ist nicht persönlich gemeint.

Auch ihre für englische Ohren bedrohlich lauten Stimmen müssen niemanden beunruhigen, enthüllt der "Simple Guide to the Germans": "Die beiden Deutschen, von denen Sie denken, dass sie sich heftig streiten, tauschen wahrscheinlich nur Freundlichkeiten aus!"

Kleiner Tipp: Als Engländer versucht man beim Sprechen am Besten, die Stimme zu senken, "denn Deutsche sprechen für gewöhnlich tiefer".

Gefährlicher ist da schon eine andere Eigenart: "Die Deutschen führen unter allen westlichen Nationen auf dem Felde des öffentlichen Anrempelns", warnt "Kulturschock Deutschland". "Wie das kommt? Durch ihr stures Geradeaus-Starren. Dadurch unterschätzen sie die Distanz zwischen sich und anderen Leuten. Die meisten Deutschen scheinen zu glauben, dass Blickkontakt eine zu intime Beziehung zu einem wildfremden Passanten ist."

Vorsicht auch, wenn man sich irgendwo anstellen muss, zum Beispiel an einer Bushaltestelle. Die Kunst des Schlangestehens ist diesem Volk fremd, so dass es zu unschönen Drängeleien kommen kann.

Und nie sollte man ein "Entschuldigung" erwarten, wenn einem jemand auf den Zeh getreten ist: "Die typische deutsche Reaktion ist eher, so zu tun, als sei nichts geschehen."

Bei anderer Gelegenheit legen die Deutschen dann wieder großen Wert auf Höflichkeit. "Zu Beginn eines jeden Telefongesprächs müssen Sie Ihren Namen nennen, besonders wenn Sie ein Zimmer buchen", rät der auflagenstarke Reiseführer "Lonely Planet Germany".

Bei persönlichen Gesprächen sieht man seinem Gegenüber am Besten direkt in die Augen, sonst gilt man schnell als unsicher oder gehemmt: "Wenn John Wayne ein Deutscher gewesen wäre, hätte er in seinen großen Momenten nicht sinnend den Horizont abgesucht, sondern die Pupillen seines Gegners fixiert."

Nur Fortgeschrittene können auf eine Einladung zu einem Deutschen nach Hause hoffen. "Es ist schwer, enge Freundschaft mit einem Deutschen zu schließen - sogar für Deutsche", warnt das "Überlebenshandbuch".

Hat man es aber geschafft und wird zum Essen eingeladen, ist es von zentraler Bedeutung, etwas mitzubringen, "am Besten einen Blumenstrauß oder eine Flasche Wein", empfiehlt der "Insight Guide Germany".

Für das Tischgespräch gilt: "Deutschen ist es nicht peinlich, selbst mit Fremden über Sex zu sprechen und intimste Details aus ihrem Liebesleben zu enthüllen."

Man sollte auch nicht verschämt nach dem Badezimmer fragen, wenn man zur Toilette will - denn dann denken die Deutschen wirklich, man wolle sich bei ihnen waschen.

Und dann noch das Allerseltsamste: Wenn man nachts um drei an einer völlig unbefahrenen und gut einsehbaren Straße einen Wartenden vor einer roten Ampel sieht, dann ist das kein Schlafwandler oder Bankräuber, sondern nur ein gewöhnlicher Einheimischer, der die geltenden Vorschriften befolgt.

"Wir sagten es ja schon", heißt es in einem der Ratgeber wiederholt, "die Deutschen sind ein kompliziertes Volk."

 im Mai 2006