Ich habe irgendwo gelesen, dass in der Psychologie Puppen verwendet werden, auf die man eindreschen kann, um zum Beipiel seelische Ventile zu öffnen.  Jedenfalls drischt man die Puppe und meint etwas anderes. Oder eine andere Person, so ähnlich wie beim Voodoo-Zauber.

In dem Artikel "Eine Heimat ist nicht genug" des aus Afghanistan stammenden Herrn M. Walid Nakschbandi in der FAS von gestern* geht es um "Heimat". Dem Titel nach. Und es wird das wohlige Lied der teutonischen Realität unserer Tage gesungen, ehe man zum wirklichen Thema kommt. Sarrazin und seine Adepten. Mal wieder. 

Herr Nakschbandi war vor geraumer Zeit mal wieder in Afghanistan, wo er u.a. den netten Herrn Karzai traf. Richtig wohl hat er sich aber nur in der dortigen deutschen Botschaft gefühlt, denn Deutschland sei eigentlich seine Heimat. Hier fühl er sich geborgen. So weit so gut. Dann aber sei der Blitz eingeschlagen. Sarrazins Buch sei erschienen "und alle applaudierten". Das sei "der Tag meiner Ausbürgerung" gewesen, kleiner hatte er es gerade nicht. 

Das Perfide besteht darin, dass Nakschbandi seinen Gedankenhaufen adrett verpackt und mit schöner schwarz-rot-goldener Schleife versehen hat. In Deutschland fühle er sich wohl und zu Hause, wären da nur nicht "die feinen Damen und Herren" des deutschen Bürgertums, die "geradezu außer Rand und Band" geraten seien ob der Sarrazin´schen Zeilen.

Man kann zu Sarrazin stehen wie mal will und seine Thesen für diskriminierend und gesellschaftsspaltend halten, geschenkt, was hier aber geschieht ist nicht die verbale Ausbürgerung des Herrn Nakschbandi, sondern die verbale Ausbürgerung weiter Teile der deutschen (gehobenen) Mittelschicht durch den Herrn Nakschbandi, die hier mit Worten gezeichnet wird wie die Oberschicht in Werken von George Grosz mittels Farben. SIE ist es, die in Wirklichkeit diskriminiert und die Gesellschaft spaltet. Sarrazins Buch ist wie immer in diesen Fällen nur die Puppe, auf die man eindrischt, um einen anderen zu treffen.

Es gibt kein Problem, über das man diskutieren müsste oder auch nur könnte, es gibt nur Sarrazin und Rassisten, deren Rassismus "bis weit  in die Mitte der Gesellschaft reicht". Wie einfach.  Und wirksam, vor allem, wenn man es hier wie so oft mit einer Attitüde des Beleidigtseins verknüpft. Letztendlich ist man bei Herrschaften wie dem Journalisten Nakschbandi aks autochthoner Deutscher in einem Zustand permanenter Bewährung.

Deutschland ist aber nicht nur das Land der Autobahn, der Würstel mit Kraut, der Hochtechnologie und hervorragenden Weißweins, es ist auch ein Land, dessen Bürger für sich in Anspruch nehmen wollen (ich sage "wollen", weil das "können" ein rares Gut geworden ist), ergebnisoffen zu diskutieren und Dingen auf den Grund zu gehen, egal, wohin einen die Gedanken führen. Sagt man meinen Landsleuten nicht den Hang zum Schweren, Sperrigen, dem Drang zum Ringen mit dem Weltgeist nach? Dann sollte man sich nicht wundern, wenn sie mal so sind wie man behauptet und drauf los debattieren. 

Also - wenn über Sarrazin diskutiert wird und es gibt überraschend viele Stimmen, die mitteilen, das Buch bilde zu einem nicht unbeträchtlichen Teil ihre eigene Lebens-wirklichkeit ab, dann a) heißt das nicht, dass die SA wieder marschiert und b) hat man das zu respektieren, auch wenn es einem nicht gefällt. Es gibt kein Recht auf eine "richtige" Diskussion, wer so etwas direkt oder indirekt fordert zeigt nur, dass er das Grundgesetz gründlich missverstanden hat. Wer das anders sieht, möge sich die Ausführungen zum 15.6.2012 auf dieser Seite anschauen.

Honig ums Maul zu schmieren, um dann die Maske fallen zu lassen und den diesen Staat wirtschaftlich tragenden Teil der Bevölkerung in weiten Teilen als Rassisten zu beschimpfen ist also weder besonders originell noch besonders intelligent,  im Gegenteil, es ist öde und mieft ziemlich stark nach der Spießigkeit, die man dem Corpus delicti des Artikels nachsagt.

Gewogen und für zu leicht befunden. Kann man also pronto wieder vergessen.


* Ich versuche, den Artikel hier noch zu verlinken.