Ich weiß gar nicht, sollte man „Phobie“ nun für die Wahl zum Wort oder der zum Unwort der Jahre 2010 bis zum St. Nimmerleinstag  nominieren?

Und so lange? Warum nicht, immerhin gibt es neben dem Tor des Monats auch das Tor des Jahres und des Jahrzehnts.

Für die Wahl zum Wort des Jahres spräche ja seine ungewöhnliche Verbreitung, obwohl ich es eigentlich und grundsätzlich außerhalb des allgemeinen Sprachgebrauchs angesiedelt hätte. Ich glaube, das wäre es dann aber auch, was für die Wahl zum Wort der kommenden Dekaden spräche.

Mutter unserer Phobie ist ja das griechischeφόβος was so viel bedeutet wie „Angst“ oder „Furcht.

Und mit Angst oder Furcht kennen wir Nachkriegs-deutschen uns ja bestens aus, Deutschland, eine Profikarriere.

Ich erinnere mich gut an die 80er Jahre, Wackersdorf, Nato-Nachrüstung, da galt man als wahrer, nein, erst als richtiger Mensch, wenn man bei der Demo ans Rednerpult ging und sein „Ich habe Angst“ ins Mikro krächzte. 

Ich habe damals übrigens auch meinen für das ungeübte Auge möglicherweise eher passiv daher kommenden Unwillen über Pershing-IIs und Cruise Missiles dadurch zum Ausdruck gebracht, dass ich mit meinem Kumpel Holger an einem wetterlich indifferenten Samstagnachmittag zeitig zur Hesselbach-Facility der US-Army aufgebrochen bin. Unsere protestmäßig erstklassige per-pedes-Umrundung der Base konnte auch so zeitig abgeschlossen werden, dass wir noch pünktlich zur Sportschau wieder daheim waren.

Deshalb auch das Auto und nicht die Bahn, was uns böse Blicke und einen erheblichen Punktemalus bei unseren Mitdemonstranten einbrachte, zumal ich die schweigende Protestschar auf dem Weg in Hell´s Kitchen mit meinem braven Rekord teilte wie weiland Moses das Rote Meer.

Das Rote Meer, fällt mir jetzt gerade erst auf, schön, passt. 

Die bürgerlichen „geht doch nach drüben“-Krakeeler hat man mit Verachtung hingenommen, wussten es halt nicht besser, diese Spießer und Korinthenkacker, null Checkung für den Weltgeist.

Und selbstverständlich will heute niemand mehr daran erinnert werden, dass Schmidt und Kohl ja völlig Recht hatten mit ihrem harten Konfrontationskurs, die Geschichte hat es erwiesen, aber Kohl bleibt für diese Leute für alle Zeit eine lächerliche Gestalt. Birne.

Nein, das gute, richtige Selbstverständnis hat nie Kratzer abbekommen, Che lebte, venceremos, fiel man eben über´s nächste Thema her. Irgendwas zum davor fürchten fand sich auf jeden Fall und wenn es etwa die völlige Entwaldung Deutschlands war, die sich wie wir wissen ebenso eingestellt hat wie der Dritte Weltkrieg zwischen Nato und Warschauer Pakt.

Aber: So schick und angesagt es damals war, selbst Angst zu haben, muss man sich heute umgekehrt vor denen fürchten, die angeblich Angst haben. 

Ja ja, Tempora mutantur, nos et mutamur in illis und das nicht immer zu Besseren wie sich zeigt.

Wer sich nun wundert: Ja, auch Ängste lassen sich in progressiv-wichtige, moralisch wertvolle Ängste unterteilen und eben moralisch verwerfliche.

Sich vor „Atom und so“ zu fürchten ist (und war) gut, wichtig und wertvoll, sich davor zu fürchten, von einem Mob von 20 gegelten türkisch- oder arabischstämmigen Mitbürgern aus dem gesellschaftlichen Paralleluniversum im U-Bahnhof oder auf dem Alexanderplatz erschlagen zu werden, nicht.

Denn die Hinterbliebenen, die sich bockig und wenig integrationsfördernd nicht so ohne Weiteres mit dem Massaker an ihrem Angehörigen arrangieren wollen oder können und das auch frank und frei sagen, mutieren in diesem Augenblick zum Mitglied einer weiteren stinkenden Spezies des Phobikers, der des Islamophobikers. 

Also hat die Phobie dann doch eher das Zeug zum UNwort. 

Aber: Auch das trifft ja die Sache nicht richtig, denn die Phobie ist denen, die dieses Wort in kulturell oder gesellschaftlich aufgeladener Form im Munde tragen und anderen anpappen, eigentlich ziemlich wurscht, es geht ihnen mehr um die Leute hinter der Phobie. 

Ziel ist DER PHOBIKER. 

Es geht dann aber anders als früher aber nicht darum, dem Phobiker zu helfen oder ihn zu therapieren, obwohl Angst ja wie wir wissen früher etwas war, dessen Artikulation bereits sozial adelte, nein, es geht heuer eher darum, den Phobiker zu identifizieren, zu isolieren und dann mundtot zu machen. 

So wie das Quarantänespezialisten etwa in Fällen der Schweinepest tun. Das "mund" lassen die aber weg, soweit sind wir in der causa Phobiker aber noch nicht.

Alarmierend nur, dass Phobiker offensichtlich heuer wie die Drachenzähne aus dem Boden schießen und ihren in Zeiten von Scharen grüner Parkas noch güldenen, nun zu giftiger Jauche vergorenen Angstnektar bis in die Mitte der Gesellschaft verströmen.

Als gefühlter Normalo, der nicht in einem keimfreien Rattenlabyrinth aufgewachsen ist und für sich eher reklamieren würde, das Leben und seine Mitmenschen über mehr als 50 Jahre kennen gelernt zu haben, wundert man sich, wo überall das Pogrom lauern soll. 

Man kann beispielsweise die Glotze nicht anschalten, ohne über schwule Moderatoren, Außenminister, Regierende Bürgermeister, Kicker, sonstige Sportler, Schauspieler, Gesundheits-politiker und Modemacher zu stolpern. Diesen Leuten wird dabei auch nicht etwa aus Gründen des Personenschutzes Stimme und Erscheinung nachhaltig verändert wird, um den Mob zu stoppen.

Es ist vielmehr so, dass die Betreffenden auch absolut unbekümmert über ihre für mich völlig uninteressante sexuelle Orientierung und ihr zunächst möglicherweise schwieriges Coming out erzählen, um dann anzumerken, seither liefe alles soweit prima, eigentlich sei es mehr die Angst vor der Angst gewesen, die sie am Outen gehindert habe. Donnernder Applaus ist ihnen gewiss und das ist gut so.  

Und dem tuckigen Glööckler oder so mit seinem gräßlichen Talmi-Oeuvre rennen selbst die abgefucktesten Kegelclubtanten den Laden ein, was ja merkwürdig anmuten muss in einem Weltbild, in dem die Uhr drei vor zwölf stehen soll, um zwölf werden die rosa Stoffsterne ausgegeben, kauft nicht beim Schwulen.

Der offene, herzliche und offenherzige Umgang von und mit Schwulen und sonstwie anders Gepolten ist übrigens grundsätzlich völlig anders als etwa mit Whistleblowern, die menschen-verachtende Praktiken bei Lidl, Aldi und Co. unter persönlichem Risiko offen legen und erst recht ganz anders als bei jungen Frauen aus dem islamischen Kulturkreis, die ebenso anonymisiert über das berichten, was hinter zahllosen Fassaden in diesem Land passiert. 

Und wenn sie nicht binnen 15 Sekunden wieder vergessen sind und schauen können, wie sie klar kommen, haben ihre Enthüllungen eben ein gewisses gesellschaftliches Konfliktpotential und ein absolutes no go ist natürlich die Gefahr, selbst zum Lager der doofen, rassistischen, diskriminierenden, braunen Phobiker gezählt zu werden. 

Da geht man dann beispielsweise lieber davon aus, dass Frauenumbringen in bestimmten Kulturkreisen eben lieb gewonnene Folklore ist und die gilt es im Sinne eines guten Miteinanders halt zu respektieren.

Das ist ja das Gute, manch einer - wie ich - würde sagen, Heimtückische an der Sache. Man etikettiert einfach alle Gurkengläser im Regal mit dem kleinen Wörtchen "phob", selbst wenn sich in diesen Gläsern keine Gurken(meinungen), sondern kulturell gesehen brennender Atommüll befindet. 

Das Attribut "phob" verklammert dann alle Phobiker, ob sie wollen oder nicht, egal auch ob es um die Lichterkette geht, damit der Konstantin auf dem Schulhof nicht mehr wegen seines Ballett-röckchens gehänselt wird oder darum, dass sich in gewissen Stadtteilen beinharte Parallel-gesellschaften entwickelt haben. 

Wer was sagt ist "phob" und gehört ab sofort kraft der nur zu seinem Nachteil auszulegenden Äußerung zu den gesellschaftlichen Schwebe-teilchen im brauen Klärbecken. Differenzierungen sind nicht gefragt, DIE DA sind phob, igitt, reicht, Stempel drauf, Akte geschlossen. 

Oder um es mit der Abwandlung eines chinesischen Sprichworts zu sagen - wer Birgit Kelle reitet, kann nicht mehr abspringen, so ist das eben, gleiche Brüder gleiche Kappen. 

Und unmerklich dreht sich die gesellschaftliche Beweislast um - wer als "phob" gebrandmarkt ist, muss beweisen, dass er es nicht ist, die - man muss es leider so drastisch sagen - "Unschuldsvermutung" gilt in diesen Fällen nicht mehr. Das hat totalitäre Züge. 

Die Causa Sarrazin hat das eindrucksvoll bewiesen, denn wer die Angriffe auf ihn wirklich sorgfältig nachvollzogen hat, wird feststellen, dass außer Verbalinjurien, Häme und Hohn nichts wirklich Greifbares an Beweisen für die Behauptung, Sarrazin sei ein unverbesserlicher und rassistischer Muslimbasher, übrig geblieben ist. Im Gegenteil, Sarrazin musste sich ungestraft etwa als lispelnde Menschenkarikatur beschimpfen lassen.

Diese Schraube wird man auch weiterdrehen, so lange, bis man auf entschiedenen Widerstand stößt, aber der lässt auf sich warten.

Für mich – und darum geht´s ja letztlich – ist dieses Phobiegefasel daher das Unwort der kommenden Jahrtausende.

Es reduziert bewusst mehrgliedrige und komplexe Sachverhalte auf das „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich“, was nicht ohne Ironie ist, da es sich um ein Zitat aus Matthäus 12:22-32 mit dem Titel „Hoffnung für alle“ (ha!) handelt und Glauben und so für diese Leute sowieso Scheiße ist, sieht man ja an den katholischen Kinderschändern. 

Es sei denn, es geht um den Koran oder Richard Geres Instant Karma. 

Diese Einfachformel ist ein Wolf-im-Schafspelz-Totschlagargument, da es im Gewande des Einsatzes für „das Gute“ daherkommt und das Gegenüber sofort in die Rechtfertigungsecke verbannt. 

Das ist 

- die Intoleranzkeule derer, die Toleranz einfordern, 

- die Pauschaldiffamierung derer, die sich umgekehrt jedes Verallgemeinern verbitten, 

- die gröbstmögliche Vereinfachung derer, die Probleme lösen wollen in einer „globalisierten Welt“, 

- die Primitivkausalität derer, die ansonsten jedem Massenmörder hinterherrennen, Hauptsache, er kleidet sich in was mit Hammer und Sichel, quatscht von Befreiung des Volkes oder trägt eine veritable Matratze im Gesicht,

- das eifernde Spießertum derer, die alle anderen für Spießer halten, 

- die Bremse im Kopf, verordnet von denen, die angeblich eine bunte Republik wollen,


Es ist die brutale, völlig humorfreie und moralin-saure Waffe derer, die sich selbst für locker, offen und progressiv halten. 

Da wird gnadenlos vereinfacht und verallgemeinert, in return Differenzierung und die völlige Abwesen-heit von Pauschalisierungen eingefordert.

Ich bezweifle auch stark, dass die, die - wie ich - der Meinung sind, beispielsweise die eigene sexuelle Orientierung gehe andere einen feuchten Kehricht an und sei sie - im Rahmen des gesetzlich Erlaubten - noch so bizarr, der "Das-Private-ist-politisch"-Fraktion eine Art Generalvollmacht ausgestellt hätten, ihre vermeintlichen Interessen wahrzunehmen. 

Die meisten dürften nur ihre Ruhe wollen und ohne Tam-Tam und Blitzlichtgewitter oder Applaus von der falschen Seite entscheiden dürfen, ob, wann und wem gegenüber sie sich erklären wollen, was nur zu verständlich ist. Das Private ist eben nicht politisch. 

Natürlich gibt es Diskriminierung von Leuten, die sich sexuell anders orientieren als der Durchschnittshetero, die wird es auch immer geben, weil das Universum und die menschliche Dummheit laut Herrn Einstein unendlich sind, da hilft auch kein Bildungsplan 2015. 

Was mir aber so mächtig auf den Sack geht ist der Umstand, dass die Diskriminierungskeule ohne Ansehung der Person auf jede erreichbare Birne geknallt wird. Man lese nur die Verlautbarungen von Vertretern der Homolobby nach der Petition gegen besagten Bildungsplan. DAS nenne ich dann mal Diskriminierung.

Diese jeder Diskursfreiheit völlig abholden, stellenweise hysterischen Beleidigungen sind nicht nur infam, sondern auch kontraproduktiv, weil sie Wasser auf die Mühlen derer sind, die tatsächlich diskriminierende oder sonstwie abseitige Auffassungen vertreten. 

Im Übrigen gilt - wenn ich jede Kritik sofort auf die persönliche Ebene ziehe, verrate ich Unsicherheit und mein Unvermögen, ein von anderen als solches angesehenes Problem im Diskurs zu lösen. 

Ich grenze den Anderen wegen seiner Meinung von vornherein aus, wer nicht für mich ist ist gegen mich, ich hatte das ja schon geschrieben, die Herren Kolat und Mazyek demonstrieren das Tag für Tag für ihre Schäfchen, denen ich unterstelle, dass sie den teilweise anmaßenden Erklärungen und Forderungen ebenso kritisch gegenüberstehen wie ich . Wie soll das also funktionieren?  Gar nicht und ich unterstelle da auch Absicht, weil man die Psychologie beherrscht. 

Schließlich – die Antiphobiker sind nicht auf ein bestimmtes Parteibuch abonniert.

Zeit, sich diesen Arschgeigen und ihrer Phobotomie am offenen Schädel dieses Landes mal zu widmen. 

Im Februar 2014

PS: Und wer sich den Prototyp des rasenden Phobikerjägers anschauen will, der lese was von Jakob Augstein. Ein in meinen Augen dringend behandlungsbedürftiger junger Mann.

Und wer immer noch nicht weiß, was ich meine ... 



Im Dezember 2014 - dass ich das noch erleben darf! Frau Stephan wettert gegen die gesellschaftlich opportune und die eben nicht opportune Furcht und damit gegen diese gesellschaftliche Missgeburt, gegen die ich hier zu Felde ziehe. Eine Schwester im Geiste!


Nachklapp August 2015: Wenn man wissen will, was gemeint ist, möge man sich nur nachfolgendes Paradebeispiel zur aktuellen "Flüchtlingsdiskussion" reinziehen. Eine wohlige Moraldusche für alle Einfältigen und Geschichtsvergessenen.