Fragen Sie Frau Sibylle: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!

Sibylle Berg, 30.3.2014                       

„Die Thesen, die man eigentlich nur besoffen oder im Schlafzimmer zu äußern wagt, lesen Sie jetzt in Bestseller-Sachbüchern. Irgendein Verlag findet sich ja immer. Genauso wie immer dieselben Schuldigen: die Ausländer, die Frauen, die Schwulen, die Schwarzen, die Roma, die Sinti, die Chinesen...

Ich muss ein Phrasendreschprogramm für Sachbücher entwickeln. Es fasst die Ängste vieler zusammen und spricht sie endlich einmal aus. Also im übertragenen Sinn, es schreibt sie auf, mein Programm. Hat keine Angst vor sogenannten Tabus. Einfach mal loslassen. Das Programm wird es richten. Die Thesen, die der Leser nur besoffen oder im Schlafzimmer zu äußern wagt oder wenn er sich mit anderen Menschen, sagen wir, beim Fußballspielbetrachten trifft, sind doch immer dieselben... 

Zack, zwei Pappdeckel um die Phrasen, irgendein Verlag findet sich immer. Der in seinem Pressetext, auch einem Phrasendreschprogramm entnommen, auf die Deckel schreiben wird: streitbar, zugespitzt, Diskussion, Meinungsfreiheit. Wichtiger Beitrag. Dann ab in den Laster, rein in die Läden. Ab auf die besten Plätze im Buchhandel, der sagen wird: ein wichtiger Beitrag zum Diskurs. Hicks…

Und dann kommt der Kunde, dem es nicht gutgeht, er ist genervt von einer Welt, die er nicht mehr versteht, er hat Angst, er ist müde. Er glaubt tatsächlich, die Welt würde immer schlechter, was natürlich objektiv Stuss ist, aber er kauft den Scheiß und nickt bei jeder Seite. Hat er es doch geahnt. Die Verstimmung, die er mitunter auf Grund normaler Lebensmüdigkeit verspürt, hat einen Verursacher. Es ist nicht seine Schuld, es sind die da - die linken Medien, es ist der ganze Mist einer immer nervöser machenden Welt, in der nichts mehr sicher scheint.“


Und hier der intellektuelle Tief(st)punkt:

Hassbücher: Gebrauchsanleitung der Gewalt

Georg Diez, 18.4.2014

„… Dass es Erniedrigte und Beleidigte gibt, ist nichts Neues, es ist schade und unvermeidlich und hat oft eine Dunkelheit von dostojewskischen Dimensionen zur Folge. Neu ist, dass diese Erniedrigten und Beleidigten nicht aus der Arbeitslosenwelt oder der Unterschicht kommen, sondern erfolgreiche Männer zwischen 40 und 70 sind, die genug Geld verdienen, um eigentlich die Klappe zu halten - aber lieber Bücher schreiben, in denen sie aus dem Umstand, dass sie sich erniedrigt und beleidigt fühlen, eine gesellschaftliche Diskriminierung konstruieren.

Aber nur weil jemand am Rand steht, heißt das noch lange nicht, dass ihn jemand dorthin gedrängt hat.

Sie haben sich selbst ihren Platz gewählt, die Pirinccis und Sarrazins dieser Welt, sie haben sich in einer freien Gesellschaft mit ihrer freien Meinung als sabbernde Vorbilddeutsche oder biologistische Kaltblüter präsentiert, sie haben ihre Bücher verkauft und Interviews gegeben und die Antworten auf ihre Ansichten bekommen, und manche Antworten waren so grell und harsch wie ihre Ansichten - alles so weit, so gut in einer freien Gesellschaft.

Aber genau die Leute, die die offensichtlichsten Feinde der freien Gesellschaft sind, rennen nun herum und beklagen sich darüber, dass irgendjemand ihnen ihre Freiheit nimmt.

Sie sprechen von "Tabus": Aber es gibt diese Tabus nicht, von denen sie reden - es gibt nur eine Gesellschaft, die sich ständig ihrer Werte versichert und sie überprüft, und wenn das eben nicht die Werte einer rechts-randalierenden Minderheit sind, dann müssen sie wohl noch eine Weile leben mit Frauen in Führungspositionen, dem Christopher-Street-Day und den Menschen, die sich Deutschland als Heimat ausgesucht haben…

Was all dieses Reden verbindet: Es ist vor allem taktisch, weil es den Diskurs auf ein Feld verschiebt, auf dem es nicht mehr um die Absurdität einer Weltsicht geht, sondern um eine angeblich unterdrückte schweigende Mehrheit - was aber dieses rechts-konservative rassistische Geraune tatsächlich erzeugt, ist das Hintergrundrauschen für echte Gewalt gegen Menschen. Ein Buch wie das von Pirincci liefert damit die Begleitmusik etwa für den NSU-Breivik.

All diese Bücher formen ja in ihrer unterschiedlichen Art den Hass und die Wut und die Menschenverachtung, die andere in Taten umsetzen. Bücher töten nicht, und Autoren sehr selten, aber es ist auch nicht so, dass Gedanken harmlos sind und keine Konsequenzen in der realen Welt haben.

Schrecken braucht ein Umfeld, Rassismus braucht eine Basis - diese Bücher, Sarrazin, Pirincci oder auch so ziemlich alle anderen Bücher aus dem Verlag des Manufactum-Gründers Thomas Hoof, nehmen diese Stimmungen auf und verstärken sie wiederum und schaffen damit ein Klima von Angst und Endzeitstimmung.

Die Autoren wollen ihre kulturelle Unterlegenheit durch biologistische Erklärungen widerlegen - sie fühlen sich, obwohl sie erfolgreiche Menschen sind, bedroht in ihrer Weltsicht durch die kosmopolitischen Realitäten.

Insofern ist es nicht überraschend, dass es diese Bücher gibt. Es ist auch nicht überraschend, dass sie Erfolg haben. Es ist, leider, nicht mal überraschend, dass manche Menschen zu Waffen greifen in ihrem Wahn...“.