Helmut Ortner - Der Hinrichter

"Der Hinrichter" ist natürlich Roland Freisler. Wie Ingo Müller in seinem hervorragenden Buch "Furchtbare Juristen" befasst sich der Journalist Ortner mit der Justiz im Dritten Reich, namentlich dem Volksgerichtshof und seinem Präsidenten Roland Freisler.

Der erste Teil des Buches befasst sich mit Freislers Werdegang und Persönlichkeit bis zur Ernennung zum Präsidenten des Volksgerichtshofs im August 1942 als Nachfolger von Otto Thierack, der Reichsjustizminister wurde.

Freisler hatte sich zunächst mit seinem Bruder als Anwalt betätigt. Als überzeugter Nazi betätigte er sich politisch zunächst auf kommunaler Ebene und wechselte nach der Machtergreifung in den Justizdienst, wo er rasch Karriere machte und schließlich Staatssekretär wurde. Er fabrizierte juristische Beiträge wie am Fließband und erregte die Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten und der Staatsführung.

In Folge seines hochfahrenden Wesens, seiner Eitelkeit und seiner Fähigkeit zur Intrige wurde er persönlich wenig geschätzt, man sah ihn aber als brillanten Juristen und damit als unverzichtbar an.

Nach seiner Inthronisation als VGH-Präsident und Vorsitzender des ersten Senats zog er nach und nach Zuständigkeiten für Strafverfahren zum VGH und dort zu seinem Senat. Die Zahl der Verfahren vor dem VGH und vor allem der Todesurteile stieg nach Freislers Ernennung geradezu grotesk an, Freisler war auch für die meisten Todesurteile wegen oft lächerlicher "Vergehen" verantwortlich. Freisler sorgte auch für enge Zusammenarbeit mit der Gestapo, was dazu führte, dass auch Freigesprochene unmittelbar der Gestapo übergeben wurden, was ihren Tod bedeutete. 

Zu den bekanntesten Verfahren gehören die um die Weiße Rose, den Konzertpianisten Kreiten und die Personen rund um das Attentat vom 20. Juli 1944.

Bei der Lektüre des gut geschriebenen und leicht verständlichen Buchs fragt man sich nach und nach, warum die Machthaber überhaupt noch so etwas wie eine Justiz bemühten und die Delinquenten nicht gleich im Gefängnishof ermordeten. Offensichtlich sah man eine wenn auch äußerst wurmstichige Fassade als erforderlich an.

Roland Freisler hat mit tätiger Beihilfe seiner Vorgesetzten und den übrigen "furchtbaren Juristen" die grässliche Karikatur eines Justizwesens entwickelt, die die elementarsten Rechte der betroffenen Personen mit Füßen zertrampelte. Es wurde beginnend bei Hitler über Thierack bis zum letzten "furchtbaren Juristen" klar gestellt, dass nicht das Gesetz zur Anwendung zu kommen habe, Gradmesser eines jeden Urteils musste das "gesunde Volksempfinden"sein, eine Entwicklung, die Freisler ganz wesentlich vorangetrieben hat, ein Freibrief für juristischen Massenmord.

Ortner gelingt es,  einen in die bizarre und sicher psychotische Gedankenwelt eines Juristen des VGH einzuführen und nennt gnadenlos die Folgen eines diktatorischen Obrigkeitsstaates, dem das Kollektiv alles, das Individuum nichts ist. Und damit wird klar, dass sich eine solche Entwicklung nicht nur auf den nationalsozialistischen Staat beschränkt, sondern überall dort lauert, wo das System von checks and balances zerstört wird. Das muss nicht mit einer solchen Perversion wie im Fall des Dritten Reiches erfolgen, erschreckend ist bei der Lektüre aber schon, wie schnell eine dem Recht verpflichtete Gilde umfiel und einknickte und das exekutierte, was für jeden ersichtlich himmelschreiendes Unrecht war.

Ortners Buch leistet einen wichtigen und guten Beitrag.