Siddharta Mukherjee - Der König aller Krankheiten

Was für ein Buch! Ich interessiere mich ohnehin für Medizingeschichte à la Jürgen Thorwald und Roy Porter. Allerdings sind die meisten Schriftsteller selbst keine Ärzte. Das ist bei Mukherjee, einem exzellenten Onkologen, der für das Buch den Pulitzer-Preis bekam, gänzlich anders, was auch einen anderen Zugang zur Gedankenwelt des onkologisch tätigen Arztes gestattet. Das Buch geht meilenweit über alles hinaus, was ich vorher gelesen habe. Das macht es gelegentlich auch etwas schwierig zu lesen, vor allem für den medizinischen Laien, ohne dass man aber den Faden und damit das Interesse verlöre. Faszinierend ist dabei auch immer wieder der aus jeder Zeile dringende Enthusiasmus und Elan des Autors.

Mukherjee berichtet über eigene Erfahrungen und Erlebnisse, die er gekonnt mit der Geschichte der tapferen Männer und Frauen verbindet, die dem Krebs den Kampf ansagten, wobei er nie die Patienten und ihren heldenhaften Kampf gegen eine ebenso unheimliche wie dem Menschen nahe stehende, im Sinne des dunklen Antipoden "artverwandte" Krankheit aus den Augen verliert. Dabei überspringt er schlank etwa 1.800 Jahre Medizingeschichte, wenn er kurz auf Galen eingeht, um dann die mehr als spannenden (so das Wort in diesem Zusammenhang angebracht oder erlaubt ist) Versuche ab etwa Mitte des 19. Jahrhhunderts zu schildern, auf die Spur dieser Hydra zu gelangen. Hauptsächlich befasst sich das Buch mit den Ereignissen im 20. Jahrhundert.

Man bekommt einen Eindruck, vor welchen Herausforderungen die Pioniere der Krebsmedizin standen, denen mehr als einmal nachgesagt wurde, sie betrieben Menschenversuche, wenn sie ihre Patienten mit immer radikaleren chirurgischen Eingriffen (Halsted) oder wahren Giftcocktails (Farber) traktierten, sich dabei wie Halbblinde im Nebel vorwärts tasteten. Mukherjee konzentriert sich dabei primär auf die Geschichte us-amerikanischer Onkologen, verschweigt aber nicht, dass sie sich sehr häufig auf die europäische Grundlagenforschung stützen konnten. Durchbrüche, aber auch schlimmste Niederlagen werden geschildert und ich denke, folgende beiden Zitate machen deutlich, mit welcher Intention und in welchem Geist Mukherjee schreibt, auch weil er Betroffene zu Wort kommen lässt:

"Mit der Zeit bekommt der Tod Gestalt, Form und Routine. Eltern kommen aus den Zimmern ihres Kindes, wie sie es vielleicht tagelang regelmäßig zu einer kurzen Atempause getan haben. Eine Schwester führt sie ins kleine Büro des Doktors; der kommt herein und schließt die Tür hinter sich. Später bringt eine Schwester Kaffee. Noch später überreicht sie den Eltern eine große braune Papiertüte mit den habseligkeiten ihres Kindes. Ein paar Minuten später, als wir wieder bei unserer Promenade sind, sehen wir ein weiteres leeres Bett. Ende" (Sonja Goldstein 1956, ihr Sohn David wurde in Sidney Farbers Klinik mit Chemotherapie gegen Leukämie behandelt).

"Zubrods besonderes Interesse galt der Leukämie bei Kindern, dem Krebs, den Farber an die vorderste Front der klinischen Forschung geholt hatte. Aber er wusste auch, was es hieß, gegen die Leukämie zu kämpfen: dass man es mit einem hitzigen, schwierigen, launischen, unvorhersehbaren Gegner zu tun hatte. Medikamente konnte man testen, aber zuallererst galt es, die Kinder am Leben zu erhalten" (Mukherjee über den Onkologen Gordon Zubrod).

Mukherjee befasst sich auch mit dem Nebenaspekten zu den rein medizinischen und menschlich tragischen, aber auch wunderbaren, weil erfolgreichen Sachverhalte. Der Leukämie konnte man beispielsweise erstmals auf den Leib rücken durch Erkenntnisse, die man im Gaskrieg und dort die Folgen von Senfgasangriffen gesammelt hatte, eine mehr als skurrile Episode auf dem Weg, das mit dem Gutartigen eng verwobene Bösartige zu eliminieren, ohne das Gutartige und damit den Patienten zu töten. Man ging beispielsweise bei der Chemotherapie Schritt für Schritt über Grenzen hinaus, die gestern noch den sicheren Tod für den Patienten bedeutet hätten.

Ausgeführt wird auch dazu, welches finanzielle Schattendasein die Krebsforschung noch bis etwa Mitte des vergangenen Jahrhunderts fristete, ehe Menschen wie der Onkologe Farber und die Unternehmerin Mary Lasker einen einzigartigen Werbefeldzug einläuteten, weil sie erkannten, welch ungeheure Summen der Kampf gegen eine der letzten nicht wirklich erforschten Krankheiten verschlingen würde.

Es folgen dann die besten Abschnitte des Buches. Ich wusste beispielsweise nicht, dass der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs noch Mitte des 20. Jahrhunderts auch für viele medizinischen Experten als an den Haaren herbeigezogen galt, was sich erst änderte, als riesige Studien gar keinen anderen Schluss zuließen.

Spannend wie ein Krimi liest sich auch die Geschichte der Genforschung in der Krebsdiagnose/-therapie, die ein Dichotomie auslöste und zwar in den Zweig, der heilen wollte und den, der wie die Genetiker Ursachenforschung betrieb, weil man der Meinung war, man müsse erst verstehen, ehe man heilen könne. Die wechselseitige Abneigung hat sicher Zeit und Erfolg gekostet. Dieser Teil des Buches vermittelt auch dem Laien einen kleinen Einblick in das Wesen der Vererbung, in die Welt der Viren, Retroviren, Chromosomen, Gene und Proteine, man versteht, was mit der Kette DNA -> RNA (eine Kopie der DNA auf dem Weg zum die Zellteilung bewirkenden Protein) -> Protein gemeint ist und welche gigantischen Probleme bestanden haben müssen, um dem Geschehen in der Krebszelle, dem Ursprung ihrer unheimlichen Vermehrung auf die Spur zu kommen.

Lassen wir die Experten noch einmal zu Wort kommen. 1989 erhielten die beiden Genetiker Harold Varmus und J. Michael Bishop den Nobelpreis für ihre Entdeckung des zellularen Ursprungs der potentiell krebserzeugenden Retroviren. Varmus schloss seine Dankesrede nach einem Ausflug in die Geschichte Beowulfs und Grendels mit folgenden Worten ab:

"Wir haben nicht unseren Feind, die Krebszelle, umgebracht, noch haben wir ihm symbolisch die Gliedmaßen herausgerissen. Aber wir haben bei unseren Abenteuern das Ungeheuer deutlicher gesehen und seine Schuppen und Zähne auf neue Art beschrieben - auf eine Art, die zeigt, dass die Krebszelle, wie Grendel, eine verzerrte Version unseres normalen Seins ist".

Gerade im letzten Halbsatz manifestiert sich die von Mukherjee immer wieder meisterhaft herausgearbeitete Eigenart dieser Krankheit. Der Blick in die DNA hat gezeigt, dass der Ursprung der Krankheit untrennbar mit dem verbunden ist, was uns ausmacht. Und das macht den Kampf auch so schwierig.

Hochinteressant, aber nichts für labilere Gemüter, zwischen den Buchrücken quellen eben auch Tod, Siechtum und Martyrium hervor. Das was diese Krankheit eben für zu viele Menschen bedeutet.