Das türkische Volk fällt dem Berliner Politzirkus in den Rücken. Hunderttausende demonstrierten 2007 in Izmir gegen die Islamisierung ihres Landes. Sind (oder waren) die jetzt eine "Schande für die Türkei"?

Nun gut, könnte man meinen, bei denen gibt es erkennbar deutlich mehr Muslime als in Deutschland und in Sachsen zumal.

Aber: Wir haben alle die infamen Auftritte Erdogangs etwa in der Köln-Arena in Erinnerung, bei denen ihm Zehntausende zujubelten. Heinz Buschkowsky schreibt, dass sich Neukölln innerhalb von fünf Jahren grundlegend gewandelt habe, wer es 2009 gesehen habe würde es heute nicht mehr wiedererkennen. Islamische Parallelgesellschaften betreiben kulturelles Terraforming, diese Erkenntnis wird niemand bei Verstand in Abrede stellen. Sie tun das auch in der Türkei, wenn man sieht, was Erdogan seit 2007 auf den Weg gebracht hat, von seinen bizarren Ausfällen gegen das, was man westliche Werte bezeichnet, ganz zu schweigen.

Warum also warten bis zu Verhältnissen, die in Izmir 2007 Hunterttausende auf die Straße trieben? Und sie hatten ja Recht, wenn man sich vergegenwärtigt, wohin die Türkei - ehedem EU-Aufnahmekandidat - heute taumelt.

Hinzu kommt Folgendes: Was in der Bundesrepublik von Großmedien und Spitzenpolitik versucht wurde, war die Strangulierung eines auf jeden Fall legalen und ganz sicher auch legitimen Versuchs, eine innergesellschaftliche Debatte anzustoßen. Wie darauf reagiert wurde habe ich hier dargestellt.

Schließlich: Die Demos in Izmir zeigen im Übrigen, dass die vielbeschworene große Gruppe säkular  gesinnter Muslime gewillt ist, den säkularen Staat zu verteidigen. Sie ist offensichtlich auch nicht der Meinung, DER Islam sei als DER Islam zu definieren und grundsätzlich friedfertig. Ihre Stimme würde man sich auch in Deutschland des Öfteren wünschen, statt der Islamvertreter im TV, die gebetsmühlenhaft wiederholen, die deutsche Gesellschaft habe versagt, der Islam sei friedlich und man schere alle Muslime über einen Kamm. Abgesehen davon, dass das nur Dummköpfe täten, zeigen die Demos doch, dass ein wesentlicher Teil der türkischen Muslime das für falsch halten, sonst gäbe es die Demos nicht.

Sie haben auch hier zu Lande das natürliche Interesse, nicht mit den Radikalinskis in einen Topf geworden zu werden und wollen das, was sie bewogen hat, Deutschland ihr Vaterland zu nennen, nicht verlieren. Sie haben das selbe Interesse wie die Christen, Juden, Agnostiker und und und in diesem Land.



Ich hatte an anderer Stelle ja schon geschrieben, dass der SPIEGEL zu anderen Zeiten der Meinung war, es finde tatsächlich so etwas wie schleichende Islamisierung statt und heute spreche man von "angeblicher Islamisierung". Auch die WELT hat verschiedene Dinge in der Vergangenheit unterschiedlich gesehen, wie dieser Artikel "Der Islam hat zivilisatorisch vollkommen versagt" aus 2011 meint.



Soweit sich der ehemalige Innenminister Friedrich nun für das Anliegen der Pegida stark macht und dabei Frau Merkel anpinkelt, wird man davon ausgehen müssen, dass es sich um eine Retourkutsche für das sang- und klanglose Fallenlassen in der Edathy-Affäre handeln dürfte. Bei dieser Affäre hat bekanntlich der saubere Sonntagsredendemokrat Oppermann seinen Arsch zu Lasten des Arsches von Herrn Friedrich gerettet, um nun im Zusammenhang mit Pegida mit Begriffen um sich zu wertfen, dass man denkt, er sei nicht ganz bei Groschen. In der Sache hat Friedrich aber Recht. Ich sollte auch nicht den gleichen Fehler machen und a priori unlautere Motive vermuten.