Hesselbach, 28. März 2015: Ich entwickle diese Seite so, wie sich ISIS mutmaßlich weiterentwickeln wird, Schritt für Schritt. Ich halte die Entwicklung um ISIS für so gefährlich, dass ich sie für mich zumindest rudimentär entwickeln will, mag das alles auch nicht fehlerfrei sein. Alles was man hier lesen kann, stellt auch keineswegs ein abschließendes Statement dar. 

ISIS

Bis vor etwa einem Jahr sagte mir der Begriff nichts, ich hielt das Ganze für einen weiteren Kopf der Hydra al-Qaida.

Das ist ganz und gar falsch. ISIS legt die Axt an alles, was mir lieb und wichtig ist. Wenn es wahr ist, dass 12 RAF-Mitglieder ein ganzes Land im Griff hatten, dann wage ich mir gar nicht vorzustellen, was eine milliardenschwere Truppe mit fünfstellig zu zählenden fanatisierten Kampftruppen und Millionen Unterstützern weltweit anstellen kann. Vor allem, wenn sie wie hier an Europas Türschwelle steht oder diese bereits überschritten hat, berücksichtigt man den Dschihad-Tourismus und den Umstand, dass die Mudschahedin-Netzwerke aus dem Kosovokrieg in den Neunzigern noch bestens funktionieren (und ebenso die Erinnerung an die Feigheit, die Heuchelei und das grässliche Versagen europäischer Politik in Ansehung brutaler Eroberungspolitik, man lese nur Detlef Kleinerts 1993 mit heißem Herzen und großem Kenntnisreichtum geschriebene Polemik "Inside Balkan"). Von der Unterstützung durch das islamische Regime Erdogan ebenso zu schweigen wie vom Fundus, der sich aus failed states wie Irak und Libyen – ehedem hochgerüstet - und quasi-offen unterstützenden und atomar bewaffneten Unterstützern wie Pakistan ergibt.

ISIS hat die u. a. von al-Zawahiri nach den Muslimbrüder-Prozessen in der Folge des Attentats auf Sadat gewonnene Erkenntnis, der Dschihad sei ganz wesentlich ein Kampf um Köpfe und Herzen noch weiter fokussiert auf die weltweite Umma, verbunden mit der Schockwirkung, die exzessive Darstellung von Gewalt auf die Gemüter der Ungläubigen haben muss, zumal man mittlerweile begriffen hat, dass der Westen zwar "seine" Werte propagiert, aber so gut wie nie dafür einsteht, lieber die Bevölkerung in Ruhe weiß und Opfer fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Ein weicher, weinerlicher Gegner also.

Erwähnt werden muss auch, dass der globale Dschihadismus zwar angeblich Unrecht des Westens, der "Kreuzzügler"  rächen will, dabei aber mehr als 90% seiner Opfer Muslime sind.

Vor den Details muss man sich erst mal vergegenwärtigt, wer da eigentlich mit wem streitet.

ISIS wie erwähnt gegen "den Westen", das ist klar. 

Es ist aber komplexer und komplizierter. Mitspieler sind auch die Saudis und die Iraner, also heißt es schon mal Araber gegen Perser, ein alte Gegnerschaft. Daraus lässt sich bis zu einem gewissen Grad auch schon ableiten, dass sich hier Sunniten gegen Schiiten wenden und umgekehrt.

Das innerislamische Schisma rührt aus einem Streit her nach dem Tod Mohammeds. Der Nachfolger Mohammeds - Abu Bakr - wurde nicht von allen anerkannt, da er mit dem Propheten nicht verwandt war. Es gab Strömungen, die den Schwiegersohn Mohammeds, Ali, als einzig würdigen Kalifen ansahen und ergriffen daher die "Partei Alis" (Schiat Ali), woraus sich auch der Name Schiiten herleitet.  

Ali, der nach wie vor versuchte, seine Ansprüche durchzusetzen, wurde 661 von den Karidschiten ermordet. Bereits 656 war der nach Omar nunmehr dritte Kalif Othman ermordet worden, worauf Ali seine Ansprüche wieder erhob, aber nicht verhindern konnte, dass Muawija zum Kalifen gewählt wurde. Muawija begründete die Dynastie der Omaijaden, auf ihn folgte Kalif Yazid. Yazid wurde vom Enkel Mohammeds, Hussein, herausgefordert und schlug dessen kleine Streitmacht 680 bei Kerbela vernichtend. Hussein wurde getötet und die Schiiten gedenken dieses Tages mit dem Aschura-Fest bis heute. Ebenso glüht der Hass zwischen Sunniten und Schiiten bis heute hell und heiß.

Für Außenstehende ist nicht klar, wie ein solcher Streit 1.400 Jahre überdauern und bis heute Millionen Opfer vor allem unter den eigenen Leuten fordern kann, Fakt ist aber, dass genau dieser Streit im wesentlichen verantwortlich ist für das Gros der Opfer, die man via Medien Tag für Tag zur Kenntnis nehmen muss.

Saddam Hussein war als Chef der Baath-Partei primär Baathist, er war aber auch Sunnit und in dieser Eigenschaft hat er nicht nur ohne mit der Wimper zu zucken die Kurden im Nordirak tausendfach ermordet - siehe nur Halabdscha 1988 -, sondern eben auch Schiiten. Das ebenso grauenhafte und 1979 von Imam Khomeini installierte Regime in Teheran ist a) persisch und b) eben schiitisch, was auch den mörderischen Krieg zwischen dem Iran und dem Irak von 1980 bis 1988 - den sog. ersten Golfkrieg - erklärt.  

Saudi-Arabien wiederum ist streng sunnitisch ausgerichtet und zwar in Gestalt des sog. Wahabismus, einer besonders strengen und brutalen Form des Islam. Der Wahabismus ist der Zwilling des hierzulande propagierten Salafismus` in seiner brutalsten Form à la Denis Cuspert, besser bekannt als Deso Dogg. Beschäftigt man sich mit den Saudis, ist angesichts von Staatsterror, -mord und Unterdrückung gelegentlich unklar, wo der Unterschied zu ISIS bestehen soll, sieht man mal davon ab, dass sie US-Panzer kaufen und nicht wie der ISIS stehlen.

Apropos - hier geht es nicht um "Islam" und "Islamismus", wobei ich doch anmerken möchte, dass feinsinnige Unterscheidungen zwischen beidem nur dem einfallen können, der sich mit der Sache nicht beschäftigt und im Übrigen weit weg vom Geschehen ist. Klar ist aber auch, dass es aus jeder denkbaren Perspektive Islamismus ohne den Islam nicht geben kann.

Zurück zu den Saudis. Die sehen sich zwischenzeitlich einer schiitischen Achse Teheran -> Bagdad -> Damaskus -> Beirut (dort wegen der Hisbollah) gegenüber und die Entwicklung ist nicht abgeschlossen, wenn man berücksichtigt, dass zur Zeit die schiitisch ausgerichteten und von Teheran unterstützten Houthi-Milizen um ein Haar den Jemen südlich von Saudi-Arabien komplett überrannt hätten. Das erklärt, wieso ausgerechnet die Saudis mit Luftangriffen intervenierten.

Aber ich glaube, ich bin zu schnell.

Zu den Quellen: Ich beschäftige mich schon lange mit dem Islamismus und kann nur jedem Lawrence Wrights "Der Tod wird euch finden" wärmstens ans Herz legen. Wer wissen will, wie es zu 9/11 kommen konnte und was es mit al Qaida auf sich hat, der MUSS das Buch lesen. 

Gleiches gilt für Ahmed Rashids "Sturz ins Chaos" über die Geschichte Afghanistans im wesentlichen seit 1979 und die widerwärtige Rolle des pakistanischen Geheimdienstes ISI, aus dessen Laboratorien das stammt, was man heute unter Taliban versteht. Rashid macht auch deutlich, wie die Amerikaner ein ums andere Mal in diesem Teil der Welt versagt haben. 

Sie hatten 1989 kein Rezept für die Zeit nach dem Abzug der Russen, obwohl sie ein Pulverfass mit Waffen an die Mudschaheddin, viele aus dem arabischen Erdteil, geschaffen hatten, sie hatten auch kein Rezept für die Zeit nach der Vertreibung der Taliban und al-Qaidas nach 9/11. Insbesondere schufen sie in Folge militärischer Fehleinschätzungen die Voraussetzungen dafür, dass die Dschihadisten aller Couleur aus Afghanistan nach Pakistan flüchten, die Wunden lecken und sich neu formieren konnten. Alles mit gnädiger Hilfe des ISI, den die CIA und die Bush-Administration entweder aus Ignoranz oder als Folge fest verschlossener Augen für einen verbündeten Dienst hielten. 

Der Terror mit dem wir es heute dort zu tun haben, ist in wesentlichem Umfang hausgemacht und direkte Folge des Versagens der US-Militärs, namentlich General Tommy Franks und der Bush-Administration, dort zuerst zu nennen die Minister Cheney und Rumsfeld.   

Aktuell war ich wie eingangs erwähnt unsicher, was ich von ISIS halten sollte. Blöde, minderprivilegierte, bärtige Halbkretins, die eben gerne schlachten oder was sonst? Ich kaufte mir also Bruno Schirras Buch "ISIS - der globale Dschihad" und für dieses Buch gilt das gleiche wie für Wrights Schwarte. 

KAUFEN, Leute, KAUFEN, man ahnt, wie dünn das Eis unter den eigenen Füßen ist und wenn man dann Anschläge bewertet wie den auf das tunesische Bardo-.Museum von vor wenigen Wochen, von dem Schirra bei Abfassen des Buches nichts wissen konnte, dann merkt man, er hat recht. 

Und man merkt, dass zumindest die westliche Öffentlichkeit anders als die Dienste des Westens friedlich vor sich hin schlummert, man merkt aber auch, dass die Leitung der größten Macht des Planeten in den Händen eines weiteren Ignoranten im Oval Office liegt, der gerade dabei ist, dem letzten Eiland der Demokratie im Nahen und Mittleren Osten sämtliche Unterstützung zu entziehen, weil das Volk nicht die Regierung gewählt hat, die Obama wollte. 

Meine Ausführungen hier basieren also im Wesentlichen auf den Informationen Schirras, die ich allerdings flankiere mit anderen Quellen und natürlich ergänze, da das Buch zwangsläufig zeitlich irgendwann zum Ende kommt. Wer nicht warten will, was ich hier absondere und auch das Buch nicht kaufen will, der möge sich aber zumindest ein halbes Stündchen nehmen und dieses Gespräch mit Michael Krons auf Phoenix anschauen:


Hier wird kompakt zusammengefasst, was Schirra zu sagen hat, auch wenn Einiges und zwar Bemerkenswertes fehlt, das man nur erfährt, wenn man das Buch liest. Anmerken möchte ich, dass Krons anders als andere öffentlich-rechtlichen Pfauen wie Plasberg superuneitel rüberkommt, sehr angenehm und positiv.

Zurück zum Thema: Selbstverständlich könnte man das gesamte Dilemma ab Kerbela weiter bis heute entwickeln, aber das sprengte jeden vernünftigen Rahmen. 

Ein Zeitanker: Um ISIS zu verstehen, kommt man an einem der brutalsten und gleichzeitig kaltblütigsten Psychopathen in der an mörderischen Psychopathen so reichen Geschichte vor allem des aktuellen Islam nicht vorbei, an dem ehemaligen jordanischen Kleinkriminellen Abu Musab al-Zarkawi. 

Wer sich mit al-Zarkawi beschäftigen will, sollte unbedingt das Buch des französischen Security-Unternehmers Jean-Charles Brisard "Das neue Gesicht der al-Qaida" lesen, auch wenn man bei der Lektüre veritables Kopfsausen bekommt, weil Brisard einen mit Namen geradezu flutartig überfällt und man Schwierigkeiten bekommt auseinander zu halten, wer wer ist und wer mit wem wie zusammenhängt. 

Brisard hält al-Zarkawi anders als Bin Laden nicht für ideologiegeleitet, sondern schlichtweg für einen Massenmörder, der sich am Rest der Welt rächen will. 

Exkurs: Und by the way macht er deutlich, dass das syrische Regime unter Assad von vornherein mit al-Zarkawi kooperierte. Ihm wurde u.a. entsprechender Rückzugsraum geboten, wenn der Boden im Irak mal wieder zu heiß wurde, er konnte aber auch Trainingscamps eröffnen und unterhalten, weshalb Brisard auch zum Schluss kommt, dass sich eine Zusammenarbeit zwischen Regime und Terror im Falle Assad und al-Qaida wesentlich besser begründen ließe als die zwischen Hussein und al-Qaida. Letzteres war bekanntlich die Begründung für den Einmarsch in den Irak 2003, wobei Brisard allerdings auch darauf hinweist, dass es zumindest rudimentäre Indizien für eine gewollte Zusammenarbeit zwischen Hussein und al-Qaida gab.

Anfang 1991 war eine Koalition unter Führung der USA im Irak Saddam Husseins einmarschiert, nachdem Hussein zuvor das benachbarte Kuwait überfallen und besetzt hatte. Dieser erste Irakkrieg oder zweite Golfkrieg endete mit einem militärischen Desaster für Hussein, er blieb aber an der Macht.

2003 kam es zum dritten Golf- bzw. zweiten Irakkrieg, der mit der Niederlage des Irak und der Entmachtung Husseins endete. Die Auflösung sämtlicher staatlicher irakischer Autoritäten, vor allem der irakischen Armee, führte zum sofortigen Ausbrechen ethnischer Konflikte und Massenunruhen, für die die USA aber wie im Falle Afghanistan nach Abzug der Russen mal wieder keinen Plan hatten. Diese Konstellation wirkte wie Hefe auf Massenmörder wie den Sunniten al-Zarkawi, der sich nicht darauf beschränkte, westliche Ziele zu ermorden, sondern auch Blutbäder gegen Schiiten plante und durchführte.

Unfassbar, mit welcher Schläue und Gewalt al-Zarkawi zwischen 2003 und 2006 agieren konnte und man möchte auch gar nicht genau wissen, wer seine schützende Hand über diese Ausgeburt der Hölle hielt. Al-Zarkawi war jedenfalls derjenige, der bewusst mit medialen Mitteln arbeitete, um etwa mit Enthauptungsvideos weltweit Angst und Abscheu hervorzurufen. Fanal des brutalen, um sich greifenden Dschihadismus à la al-Zarkawi waren zweifelsohne die schweren Gefechte um die Stadt Falludscha 2004, bei denen es den US-Truppen nur unter erheblichen Verlusten und mit hohem Einsatz gelang, die Stadt im sunnitischen Dreieck im Zuge der Operation "Phantom Fury" wieder unter Kontrolle zu bringen. Ironie der Geschichte - dank der dummen und kurzsichtigen Politik der Irakis unter al-Maliki und der Ignoranz der Obama-Administration verlor man Falludscha und auch Ramadi 2014 wieder, dieses Mal an ISIS.

Spätestens ab 2005 war al-Qaida ein weltweit operierendes Terrornetzwerk, nicht zuletzt dank al-Zarkawi. Al-Zarkawi war im Übrigen auch Drahtzieher des Anschlages von Madrid, bei dem im März 2004 über 150 Menschen umkamen und über 2.000 verletzt wurden.

Die vom nur sich selbst verpflichteten al-Zarkawi laut Schirra durchaus gegen den Willen des a-Qaida-"Masterminds" al-Zawahiri betriebene Spaltung des moslemischen Lagers im Irak war maßgeblich daran beteiligt, dass im Irak keine Ruhe einkehren konnte. Seinerzeit tobten sich neben al-Qaida mehre dschihadistische Splittergruppen aus, einer davon - der Ansar al-Sunna, einer Untergruppe der Ansar al-Islam - gehörte ein gewisser Abu Bakr al-Baghdadi an, der heute angeblich den ISIS leitet, auch wenn es mittlerweile Stimmen gibt, ISI befinde sich in der Hand eines Rates, bestehend aus ehemaligen irakischen Geheimdienstlern und Militärs.

Al-Zarkawi wurde 2006 bei Baquba getötet, sein Nachfolger al-Masri übernahm das Terrornetzwerk und entwickelte es zum ISI, dem "Islamischen Staat im Irak". Der ISI verübte laut Schirra in jener Zeit u. a. auch Anschläge mit chemischen Waffen wie Phosgen und Chlorgasen aus dem Arsenal Husseins, was aber nie laut kolportiert wurde. Schirra beruft sich dabei auf Recherchen der New York Times. 

Diese Eskalation führt dazu, dass die USA mit erheblichen Geldbeträgen Stammesälteste "kauften", die sich dem immer mehr erstarkenden ISI entgegenstellen sollten, was nach blutigen Auseinandersetzungen dazu führte, dass der ISI 2008 fast am Ende war.

2010 schlug dann die Stunde al-Baghdadis, der bewusst den Kontakt zu Baath-Kräften, speziell ehemaligen Militärs suchte, wobei ihm sein Haftaufenthalt in "Camp Bucca" zu Gute kam, wo es die Amerikaner versäumt hatten, inhaftierte Baathisten und Dschihadisten getrennt unterzubringen.

Als wäre das nicht genug, kam 2006 mit Nouri al-Maliki ein Schiit an die Macht in Bagdad und begann systematisch, sämtliche Schlüsselpositionen mit Schiiten zu besetzen. Darüberhinaus begann die blutige Unterdrückung der Sunniten im Irak, die anders als die Kurden im Norden und die Schiiten von jedwedem Ölreichtum abgeschnitten waren und auch nicht an den Erträgen beteiligt wurden. Unmittelbar nach Abzug der Amerikaner behauptete al-Maliki eine Verschwörung des sunnitischen Vizepräsidenten Tariq al-Haschimi, der fliehen, aber nicht konnte, dass seine Bodyguards nach angeblichen Geständnissen im Fernsehen vorgefführt wurden. Al-Maliki kann als Paranoiker gelten, der Sunniten als al-Qaida-Kämpfer ansah und sich vor einer Rückkehr der Baathisten fürchtete. Er ging auch von carte blanche der Obama-Administration aus.

Das führte immer wieder zu zunächst friedlichen Demonstrationen der Sunniten, denen al-Maliki mit Gewalt begegnete und auch in der Sache zu keinerlei Zugeständnissen bereit war. ISI nutzte diese Demonstrationen gleichzeitig, um sich unter die friedlichen Demonstranten zu mischen und auf die Sicherheitskräfte zu feuern, was die Gewalt weiter anfachte.

Des weiteren befreite der ISI in spektakulären Aktionen unter Einsatz von Selbstmordattentätern Tausende seiner Gesinnungsgenossen aus den Gefängnissen. 

Obama - seit 2009 im Amt - ist al-Maliki zu keinem Zeitpunkt nennenswert in den Arm gefallen und er tat auch nichts, als 2010 angeblich Allawi die Wahl gewonnen hatte, Teheran aber durch Manipulationen und Einfluss dafür sorgte, dass al-Maliki an der Macht blieb.

2011 erfolgte der Abzug der US-Truppen. Letztlich wurde der Irak damit dem Iran überlassen.

Es scheint dabei klar, dass sich die Situation im Irak nicht zum Besseren wenden wird, solange die schiitische Zentralregierung auch mit Hilfstruppen aus Teheran vorgeht, denn solange werden auch die sunnitischen Stämme nicht von ISI abrücken, sicher teils aus religiösen Truppen, teils aber auch deshalb, weil sie sonst den ISI-Terror zu fürchten haben und Hilfe von "ihrer" Regierung ja nicht zu erwarten wäre.

Die schlimme Rolle, die der einst als Heilsbringer gefeierte Obama gerade auch in der ISI-Problematik spielt(e), zeigt sich beispielsweise daran, dass er im September 2014 über den nationalen Geheimdienstchef James Clapper in einer Nachrichtensendung öffentlich erklärte, der habe ISI unterschätzt. Jeder bei klarem Verstand wusste, dass Clapper nur ein Bauernopfer war und Obama von eigenen gravierenden Versäumnissen ablenken wollte, man denke nur daran, dass er al-Maliki ebenfalls gewähren ließ.

Man hätte seit Vietnam ja wissen können, dass der Krieg gegen ein Regime nicht oder nur sehr schwer zu gewinnen ist, wenn man die Bevölkerung des betreffenden Landes gegen sich hat oder gegen sich aufbringt. Man hätte aus dem Afghanistan-Fiasko der Russen zwischen 1979 und 1989 lernen, man hätte aus dem eigenen Afghanistan-Engagement seit 2001 lernen können, lernen müssen. Es scheint aber eine bittere Ironie zu sein, dass bestimmte Länder dazu verdammt sind, den selben Fehler immer und immer wieder zu machen.

Ziehväter des ISI wenn man so will sind seit jeher die Saudis, Qataris und Kuwaitis. Man kolportiert zwar, es handle sich jeweils um nationale "Geschäftsleute", aber wer will glauben, dass diese Herrschaften einen Furz lassen ohne Kenntnis und Erlaubnis des jeweiligen Landesherrn? Ganz abgesehen davon, dass exponierte Herren wie der von 1996 bis 2013 amtiertende qatarische Innenminister al-Thani seit jeher aus seiner Privatschatulle al-Qaida finanziert hat.


Neben den vorstehend erwähnten arabischen Staaten ist es aber auch die - sunnitisch dominierte - Türkei, die dem ISI direkte und indirekte Hilfe leistet, weil sie am Sturz Assads interessiert ist und damit sind wir bei Syrien.

Assad ist ein Mann Teherans und spielt seit dem Aufflammen des Krieges auch in seinem Land ein doppeltes Spiel mit dem Westen und mit dem ISI.

Exkurs: Anfang der 2000er-Jahre bestand eine Kooperation zwischen Syrien und dem BND und dem BKA, wobei Syrien in dieser Zeit gleichzeitig Ausbildungslager unterhielt für die Mörder aus al-Zarkawis Truppe. In die gleiche Zeit fiel, was ich auch nicht wusste, ein "Stillhalteabkommen" des deutschen Geheimdienstkoordinators mit algerischen Dschihadisten und sogar der Hisbollah.  

Der sog. "arabische Frühling", der sich immer mehr als "arabischer Winter" entpuppt, sieht man vielleicht mal von Tunesien ab, führte auch in Syrien zu Aufständen gegen das brutale Regime Assad. Die Aufstände wurden mit bestialischer Gewalt bekämpft, ohne Rücksicht auf  die eigene Bevölkerung, egal ob klein oder groß. 2013 sollen Assad-Schergen einen Angriff mit Sarin auf Ghuta bei Damaskus unternommen haben, bei dem Hunderte Menschen starben.

Die Situation nutzten unter anderem dschihadistische Organisationen wie die al-Nusra-Front, aber auch der ISI, um sich im Land breit zu machen und um alle anderen dort kämpfenden Parteien zu massakrieren.

Assad wiederum bekämpft nur die nicht zum ISI gehörenden Dschihadisten und Oppositionellen. Die mittlerweile wohl nicht mehr existierende moderate syrische Opposition wurde regelrecht zermalmt unter den Schlägen der syrischen Regierungstruppen einerseits und den Angriffen des ISI andererseits. Der Westen, gefragt nach militärischer Hilfe, verweigerte unter Hinweis auf "politische Lösungen" und "Dialog" jede Waffenlieferung und hat damit seinen zumindest moralischen Anteil daran, dass die Stimme des syrischen Widerstands verstummt ist. Assad tut das, um sich beim Westen, der sein Regime zumindest verbal ächtet, als einzig wirksame Kraft gegen den ISI vor Ort zu präsentieren.

Die Türken leisten wie man mittlerweile weiß, direkte und indirekte Hilfe, sei es, dass ISI-Kämpfer in türkischen Hospitälern gesund gepflegt werden, um sich wieder dem Abschlachten jesidischer, christlicher, kurdischer und syrischer Babies, Kinder, Greise und Frauen widmen zu können, sei es, dass Kriegsmaterial über die Grenze gekarrt wird.

Anfang 2014 wurden über die türkische Organisation IHH, eine "Stiftung für humanitäre Hilfe" Waffen für den ISI über die Türkei geliefert. Der Konvoi wurde von Militärpolizisten gestoppt. Ein AKP-Provinzpolitiker schaltete sich ein und erzwang die Weiterfahrt, die Militärpolizisten wurden ihrerseits mit einem Ermittlungsverfahren überzogen. Wir sprechen hier über einen NATO-"Verbündeten" und ein Möchtegern-EU-Mitglied.

Und für den, bei dem es bei IHH klingelt - die IHH hatte 2010 die sog. "Gaza-Hilfsflotte" organisiert, die von der israelischen Armee gestoppt und aufgebracht wurde, es gab Tote und Verletzte. Einer der Pötte war die "Mavi Marmara", auf der neben dem durchgeknallten Schreiberling Henning Mankell auch die linken Spinner Annette Groth, Norman Paech und Inge Hörger angeheuert hatten im Dienste der "guten Sache". Die IHH ist in Deutschland verboten, weil sie die als Terrororganisation eingestufte Hamas immer wieder unterstützt(e), weshalb man weiß, vor welchen Karren sich die linken Hornochsen spannen ließen.

Die Türkei hat eine Südgrenze sowohl zu Syrien als auch zum Irak.

Im Norden Iraks residieren die Kurden unter Barzani, bei denen es seit der Einrichtung einer Flugverbotszone 1991 keine - wesentlichen - Kämpfe mehr gegeben hat. Bei der Eroberung Mossuls fiel dem ISI hochmodernes amerikanisches Waffenmaterial in die Hände, mit dem er den kaum oder schlecht ausgerüsteten Peschmerga weit überlegen war. Die Peschmerga baten u.a. Berlin um Waffen, die ihnen zunächst verweigert wurden. Einer totalen Niederlage entgingen die Peschmerga nur, weil ihnen PKK-Kämpfer der YPG beistanden und die USA aus der Luft intervenierten, als Erbil kurz vor dem Fall standen. Die Tragödie der Jesiden im Sindschar-Gebirge konnte dadurch auch nicht abgewendet werden.  Ähnlich verlief der vor den Augen der Weltöffentlichkeit ausgetragene Kampf um Kobané an der türkisch-syrischen Grenze, bei dem die Türken zwar Panzer auffahren ließ, aber ohne mit der Wimper zu zucken zuschauten, wie Kobané in ein Schlachthaus verwandelt wurde, in dem es gottlob gelang, auch mit internationaler Hilfe aus der Luft den ISI zurückzudrängen.

Wohin wird sich das Ganze entwickeln?

Unterstellt man einen Masterplan, dann ist es nur folgerichtig, dass der ISI versuchen wird, ganze Landstriche zu destabilieren, wie das bereits in Jordanien und dem Libanon geschieht.

Global nähern sich immer mehr dschihadistische Bewegungen dem ISI an, der zwar anders als al-Qaida noch nicht global agiert, aber multi-ethnisch und nicht wie al-Qaida multi-national ist. Beispiel für ein solches "Tochterunternehmen" ist die Lashkar e-Taiba, verantwortlich für die Anschläge 2008 in Mumbai. Sie sind wie die Taliban ein Produkt des pakistanischen Geheimdienstes, der bezeichnenderweise ebenfalls ISI heißt und besagte Bewegung gründete, um die Inder im Konflikt um Kaschmir zu terrorisieren. Bei diesen Leuten ist es aber so wie bei den Taliban, irgendwann beißen sie die Hand, die sie füttert.

Alptraum dabei natürlich der Gedanke, dass ISI irgendwann die Hand an der Bombe hat. Genug Stoff für Alpträume bietet aber auch ein Szenario ohne den ISI. Der Iran verfügt über etwa sieben Tonnen schwach angereichertes nukleares Material, bei dem es kein Problem sein soll, es hoch anzureichern. Das gäbe Material für 5 -6 Bomben. Das sollen keine Spekulationen sein, sondern das Ergebnis dessen, was Obama den Iranern am 24.11.2013 offiziell gestattet hat. Gleichzeitig hat der Iran sämtliche Anreicherungszentrifugen behalten. Ein nuklear bewaffneter Iran ist vor allem für die Saudis ein Horror, weshalb man sicher davon ausgeht, dass die Saudis die Bombe ihrerseits bereits haben und zwar in Pakistan, deren Bombenbau sie mit Millionen Dollar mitfinanziert haben. Gleichzeitig forcieren sie den Bau von Atomreaktoren, was merkwürdig anmutet bei einem Staat, der auf einem Meer von Öl sitzt.

Die Frage ist, was mit dieser Atomoption geschieht, wenn das saudische Herrscherhaus stürzt. Der ISI hasst die als dekadent eingeschätzten Saudis, obwohl man u.a. von dort finanziert wird.

Stand 22.05.2015: Der Schockzustand hält an, der ISI hat Ramadi und Palmyra überrannt, er beherrscht somit etwa 50% des syrischen Staatsgebietes und der Weg nach Damaskus ist frei.

Stand 05.06.2015: Das Krebsgeschwür metastasiert - nun sehen sich sogar die Taliban einer noch aggressiveren und tödlicheren Bewegung konfrontiert. 

Stand 28.06.2015: Nach den zeitgleich stattfindenden Anschlägen von Sousse, Lyon und Kuweit-City mit insgesamt etwa 70 Todesopfern hat Stefan Aust es satt: Wir befinden uns in einem Weltkrieg mit dem (islamischen) Terror. Und Henryk M. Broder legt in der ihm eigenen Weise nach. Alle Täter haben sich im Übrigen auf den IS berufen oder der IS hat seine Zuständigkeit gleich selbst kommuniziert. 

Nach diesem Artikel ist Europa the next big thing für den IS. Rückschläge im "Kalifat" widersprechen dem nicht, da handelt man nach dem alten Frundsberg-Wort "Viel Feind, viel Ehr". Und das Schläfernetzwerk, das offensichtlich existiert, heißt hierzulande "Einzeltäter".

Stand 03.07.2015: Einen hoch interessanten Abriss über die für al-Sisi unsichere Situation auf dem Sinai und die erodierende Macht der von Katar finanziell abhängigen Hamas selbst in Gaza bei wachsendem Einfluss von Raketen auf Israel abschießenden, radikalislamistischen Splitter-gruppen, die sich auf den IS berufen und Hamas stellenweise ebenfalls bekämpfen, findet man hier auf jungle-world.com nach einem Interview mit dem Pressesprecher der IDF, Major Shalicar. Nach den Taliban lehrt der IS nun einem weiteren terroristischen Urgestein das Fürchten. Man sieht im Übrigen, wer da in Gaza sein Unwesen treibt. Neben IS-Splittergruppen und Hamas mit ihrem übrigens Teheran nahe stehenden militärischen Arm, den Kassam-Brigaden, ist das auch der sich auf al-Qaida berufende Islamische Dschihad mit seinen al-Quds-Brigaden. 

Stand 30.3.2016: Der IS wird mittlerweile an allen Fronten durch die erstrakte Assad-Armee mit gnädiger Unterstützung von Putns Truppen zurückgedrängt. Palmyra ist zurückerobert und die Verbindung zwischen den IS-Gebieten im Irak einerseits und Syrien andererseits wohl gekappt. Angeblich soll es jetzt gegen Rakka gehen.

Gleichzeitig hat der IS weltweit wieder mit verheerenden Anschlägen auf sich aufmerksam gemacht. Am 22.3.2016 sprengten sich zwei Selbstmordattentäter im Brüsseler Flughafen in die Luft, in der innerstädtischen U-Bahn-Station Maelbeek ein weiterer, es gab fast 40 Tote und eine große Zahl Verletzte.

Am 13.11.2015 war es bereits zu einer konzertierten Aktion in Paris gekommen. Beim Länderspiel Frankreich-Deutschland versuchten Suicidebomber ins Stadion zu kommen, als das nicht gelang sprengten sie sich außerhalb des Stadions in die Luft. Terrorkommandos erschossen Menschen in Straßencafés und in der Halle Bataclan, wo gerade ein Konzert stattfand.

Am vergangenen Ostersonntag sprengte sich ein Sympathisant in Lahore in einem Vergnügungspark in die Luft und tötete dabei vor allem eine große Zahl von Kindern, Ziel waren primär Christen. 

Möglicherweise ist das eine Reaktion auf das militärische Zurückweichen des IS in Syrien und im Irak. Aktuell wird über Anschläge mit ABC-Waffen fabuliert, wie konkret das ist, weiß man nicht. Allerdings ist belegt, dass der IS bereits im Juli und August 2015 Senfgasgranaten auf Peschmerga-Stellungen abgeschossen hat, die Rückstände im Blut von Peschmerga-Kämpfern haben das ergeben. Beschaffen lässt sich das u.a. über völlig ungesicherte Kampfstoffe in Libyen, wo der IS ebenfalls aktiv ist. In Osteuropa wiederum ist Cäsium für schmutzige Bomben zu haben, wie ein Fakekauf ergab. Die Vorbereitungen des IS laufen.