Karl Marlantes – Matterhorn

In diesem Roman verarbeitet Marlantes, Absolvent amerikanischer Eliteunis und hochdekorierter Veteran, seine Erlebnisse im Vietnamkrieg. Protagonist ist der fiktive Leutnant der Marineinfantrie Waino Mellas, der frisch an die Front verlegt wird und dort die Schrecken und Absurditäten, aber auch menschliche zuwendung unter widrigsten Umständen erlebt. Kurz gesagt geht es darum, dass die Einheit, der Mellas zugeteilt wird, Stellungen auf einem Berg, der als Artilleriestützpunkt ausgebaut werden soll, auf- und ausbauen soll. Nachdem man fertig ist, wird auf Befehl der militärischen Führung der Berg geräumt, umgehend vom Gegner besetzt und muss dann wiederum auf Befehl „von oben“ unter schlimmsten Opfern und Entbehrungen zurückerobert werden.

Marlantes sagt, er habe 30 Jahre gebraucht, um dieses Buch zu schreiben.

Der Umstand, dass Marlantes über Dinge schreibt, die er selbst so erlebt hat, gibt dem Buch eine Authentizität, die ich mir aber auch immer wieder vergegenwärtigen musste, etwa wenn ich Dialoge oder über Vorfälle las, die aus einem Filmdrehbuch, etwa dem von Oliver Stones „Platoon“, zu stammen schienen und auf mich einen eher unglaubwürdigen Eindruck machten. Es mag sie so gleichwohl gegeben haben, Marlantes weiß schließlich, wovon und worüber er schrieb.

Auffällig und für mich etwas überraschend war, dass beispielsweise politische Reflexionen über Sinn oder Unsinn dieses Krieges praktisch überhaupt keine Rolle spielten, was daran liegen mag, dass sich die Welt fast zwangsläufig auf den eigenen Frontabschnitt und den Wunsch reduzierte, anstehende Gemetzel zu überleben. Gleichwohl spiegeln sich durchaus die damaligen  politischen Verhältnisse in den USA, speziell die Rassenunruhen, immer wieder indirekt in den Geschehnissen und Auseinandersetzungen der Marineinfanteristen untereinander.  Der Umgang der Soldaten wird als von Zynismus, Sarkasmus und Brutalität, aber auch so etwas wie Bruderliebe und Menschlichkeit geprägt geschildert. Dem Gegner – in diesem Fall der regulären nordvietnamesischen Armee - wird bei allem Furor grundsätzlich Respekt gezollt. Allgegenwärtig ist die kreatürliche Angst, denn der Tod holt die Soldaten urplötzlich und völlig wahllos, Überleben ist reine Glückssache.

Marlantes Schreibstil ist sehr flüssig, fesselnd, empathisch und metapherreich, mir hat das Buch sehr gut gefallen.

Auf dem Einband wird u. a. eine Aussage von Sebastian Junger, „The New York Times Book Review“ zitiert, der ich mich im Sinne der Tradition etwa von Mailers "Die Nackten und die Toten" oder Uris´ "Schlachtruf" anschließen möchte: „Einer der tiefgründigsten und erschütterndsten Romane nicht nur über den Vietnamkrieg – sondern über jeden Krieg“.

Eine echte Kaufempfehlung.