Andreas Petersen - Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren

Wow, was für ein Leben und was für ein Buch! Der Historiker Petersen hat ein Buch über das Leben von Erwin Jöris geschrieben, der 1912 geboren wurde und dieses Jahr seinen 100sten Geburtstag feiert. Ein echter Zeuge des Jahrhunderts!

Als überzeugter Kommunist Kampf gegen die Naziherrschaft in Deutschland, KZ-Aufenthalt, anschließend Sowjet-Union, Hotel "Lux", Lubjanka, Abschiebung nach Deutschland, von dort an die Ostfront von 1941 – 1945, sowjetische Gefangenschaft, zurück nach Ost-Berlin, im Zuge der "Entnazifizierung" à la Ostblock nach Workuta, zurück nach Ost-Berlin, u.a. Hohenschönhausen, dann Flucht nach Westdeutschland, Extremeres lässt sich kaum vorstellen.

Petersens Sprache ist für eine Biographie eher ungewöhnlich, sehr ausladend, stellenweise blumig, was aber für den Leser wie ich finde Jöris´ Erlebnisse sehr anschaulich und lebendig macht. Man spürt an allen Ecken und Ende die Widersetzlichkeit Jöris´, die ihn wahrscheinlich erst in die Situationen brachte, aber eben auch seine Unbeugsamkeit, die dafür sorgte, dass er das Grauen überlebte. Jöris hat mit jedem  Ismus gebrochen, da er ihre Folgen gesehen hat. Etwas verstörend für einen bundesrepublikanischen Nachkriegsdeutschen ist die Schilderung, wie sich selbst das bestialische Nazideutschland im Zuge der Rückkehr aus sowjetischer Gefangenschaft als Hort der Hoffnung auf Überleben darstellt nach dem Motto, egal wie, bloß nach Hause, eine Perspektive, die absolut ungewohnt und ungewöhnlich ist. Dieses Leben war die reinste Achrerbahnfahrt und bestätigt die alte These, dass das Leben selbst die spannendsten, tragischsten und rührendsten Geschichten schreibt. Ich denke, der Umstand, dass Jöris Kommunist war, hat dazu geführt, dass er nicht einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, was sehr schade ist. Das Buch ist fesselnd und liest sich wie ein Roman!

Wie gesagt ein ungewöhnliches Buch, für das man etwas Hintergrundwissen mitbringen sollte, für mich aber eine echte Bereicherung.

Der Titel ist offensichtlich das Zitat einer Äußerung des sowjetischen Untersuchungsbeamten, dessen "Ermittlungen" gegen Jöris  zur Gefangenschaft in Workuta führten.