Nur ausgemachte Volltrottel können bestreiten, dass die deutsche Bevölkerung derzeit in ein völlig unkalkulierbares Haftungsrisiko geführt wird.

Das ist unabhängig von der Frage, ob man für oder gegen den ESM-Vertrag ist, denn absolut niemand kann heute sagen, ob und inwieweit Deutschland neben den Bareinzahlungen auf die Garantiesummen in Anspruch genommen wird, die sich bis dato auf dreistellige Milliardenbeträge belaufen.

Die Formulierungen im ESM-Vertrag zu Gouverneursrat, Direktorium und Eilfällen lassen nichts Gutes erwarten, aber nun gut, stellen wir das mal zurück.

Die Frage, die uns heute in unserem Kaffeesenat umtrieb war die Frage nach dem „Wofür?“.

Weiß das jemand, weiß das jemand ganz genau? Ich rede hier nicht davon, dass das 20. Jahrhundert zwei verheerende Kriege sah, denn diese Erklärung für die Notwendigkeit des Euro ist was für Leute, die sich in einer Telefonzelle verlaufen und unter anderem an den Weihnachtsmann glauben.

Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg war die längste Friedensphase, die dieser Kontinent seit langer Zeit erlebt hat, man hat in dieser Zeit Frieden unter ehemaligen Erzfeinden gestiftet, mit der Sowjet-Union ein ganzes Weltreich abgewickelt, ohne dass ein Schuss fiel, das geteilte Deutschland vereint und das alles ganz ohne die wundervollen Segnungen des Euro, also vergessen wir das ganz schnell.

Also wofür? Das führt direkt zu der Frage nach der Kriseninformationspolitik unserer sogenannten Polit-Avantgarde, denn die hätte uns ja Schritt für Schritt zu erklären gehabt, wohin die Reise gehen soll und warum es so unglaublich wichtig ist, nicht zu spät am Bahnsteig zu sein.

Erinnern wir uns an S21 – endlose Schlichtungsrunden unter Heiner Geißler, Walter Sittler omnipräsent und anschließend die beschwörenden Worte, ja, wir haben die Bürger nicht mitgenommen, aber das wird jetzt alles ganz anders.

Kaum aber sind diese Worte verweht, da stehen wir vor einem Problem, gegen die sich das um den Stuttgarter Bahnhof ausnimmt wie ein Lego-Kirchle vor dem Ulmer Münster.

Und was passiert? Ich hätte erwartet, dass man mit Experten-Hearings  im Fernsehen und Internet, mit ausführlichen Erläuterungen, dieser ganzen pro-und-contra-Chose überschwemmt wird,  um deutlich zu machen, wohin man uns führt, was nach menschlichem Ermessen geschehen wird, was man wann wie zu tun gedenkt, dass und welche Risiken bestehen, diese ganze ansonsten überall bemühte Roadmap-Kiste also, von mir aus über eine Dauermiete des Senders Phoenix.

Dann hätten wenigstens die Tausende Interessierten in diesem Land das Gefühl, ernst genommen zu werden als der Souverän, als der man vor Wahlsonntagen immer bezeichnet wird.  

Stattdessen muss man sich, wenn man sich überhaupt der Mühe unterziehen und sich nicht einfach nur angewidert abwenden will, über Foren, zweifelhafte Quellen und die wenigen Blätter, die gelegentlich seriös, weil umfassend berichten, alles zusammenklauben, um einigermaßen informiert zu sein, was da eigentlich in Berlin, Brüssel oder einem dieser geheimnisvollen „Gipfel“ überhaupt vor sich geht.

Vollversagerin dabei übrigens die Bild-Zeitung, zu der man stehen kann wie man will, als angebliches „Sprachrohr der kleinen Leute“, die das Haftungsrisiko als erste um ihre Ersparnisse bringen würde, ist sie ein kompletter Ausfall.

Ich sage, das hat Methode. Aus irgendeinem, indes durchaus prognosefähigen Grund WILL man nicht informieren. Man käme in die Bredouille.

Und hier verknüpft sich die Frage nach dem „Wofür?“ mit der nach einer Informationspolitik, die diesen Namen verdient hat.

Ich erinnere mich daran, dass „Europa“ dieses Mal nicht auf dem Stier sitzen, sondern selbst der Stier sein sollte, mächtig, kraftvoll, ein ebenbürtiger Gegner aller Kräfte, die sich auf einem globalisierten Markt durchzusetzen versuchen wie die USA, die BRICS-Staaten, speziell China und ich weiß nicht noch wer.

Also Verträge, Maastricht, in der Folge Lissabon, die innere Unschärfen fielen zuerst nicht auf, ein Schelm, wer Böses dabei dachte, die Leute, die dafür bestens bezahlt werden, haben das ja ganz sicher auf Herz und Nieren auf seine Durchführbarkeit vorher geprüft.

Gesagt wurde, dass das nun das Fundament sein sollte, auf dem sich Europa entwickeln würde. In der Rückschau ein wahrer Treppenwitz, denn von diesen Vertragswerken ist ungefähr so viel übrig geblieben wie von den angeblich seit Jahrzehnten geschützten Regenwäldern – rauchende Trümmer.

Geopfert für die Tagespolitik, die ihrerseits erst hektisch, dann panisch auf kurzfristige Entwicklungen reagierte und eine Säule nach der anderen des Hauses abriss und dem immer ratloseren Publikum den mittlerweile gefestigten Eindruck vermittelte, hier seien die Zauberlehrlinge am Werk, die eine Entwicklung in Gang gesetzt hatten, die sie überhaupt nicht mehr beherrschten. 

Ich kann den Eindruck als gefestigt bezeichnen, weil ich mitbekommen habe, wie und von wem Pakete durch den Bundestag gepeitscht wurden, die Summen betrafen, bei denen dem Normalbürger der kalte Schweiß ausbricht, mehr will ich dazu lieber nicht sagen.

Schaue ich also zurück, dann kann ich nicht erkennen, wie eine Vision von Europa aussehen soll, die Politik jedenfalls mit ihrem „weiter so, das Ganze ist alternativlos“  hat in Folge ihres völligen Versagen keine zu bieten und da schließt sich der Kreis.

Weil sie keine mehr hat vor lauter erkennbar nur noch reagierendem Aktionismus und dem Pulverdampf des Tagesgeschäfts, geprägt von hektischen Märkten und immer neuen schauerlichen Finanzlöchern, kann sie auch nicht erklären, was  sie  da eigentlich macht  und  weil sie das nicht  k a n n ,  w i l l  sie auch nicht und überschüttet Kritiker mit Hohn, Spott und Verunglimpfung statt mit den Argumenten, die zu liefern sie schon lange den Bürgern dieses Landes verpflichtet gewesen wäre.

Operiert wird deshalb auch mit Versatzstücken wie dem unerträglich öden „scheitert der Euro, dann scheitert Europa“, als sei der Euro irgendein Synonym für Europa, was angesichts der Nachkriegsgeschichte so lächerlich ist, dass man kaum Worte findet.

Ich jedenfalls sehe weder eine Vision von Europa, noch eine Informationspolitik, die die Leute mitnimmt, obwohl uns das ja noch 2011 hoch und heilig versprochen wurde, aber wahrscheinlich bin ich der Gimpel bei der Sache, der auf die Worte der „großen Politik“ vertraut hat.

So, und wenn man sich das mal vergegenwärtigt, dann erinnere man sich daran, dass man aktuell in einem Umfang in Haftung genommen wird, die die biblische Formulierung von einem „bis ins siebte Glied“ wie eine grässliche Untertreibung vorkommen lässt.

Wofür?

10.7.2012